Preisträger fur grotesken Humor: Wilhelm Genazino im Interview

Mit genauem Blick erzählt Wilhelm Genazino in seinen Romanen von der Mittelmäßigkeit des Lebens und der häufigen Abwesenheit von Glück bei seinen Figuren. Am Samstag erhält der 70-jährige Frankfurter und Büchnerpreisträger den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

Herr Genazino, was ist Humor?

Wilhelm Genazino: Das ist eine der schwierigsten Fragen. Wenn jemand Humor empfindet, errichtet er eine Unberührbarkeitszone um sich herum. Ich lebe dann zwar in der Welt, aber ich nehme sie nicht zu hundert Prozent ernst. Indem man das tut, kommt man mit dieser unerbittlichen Welt besser zurecht.

Wann ist für Sie etwas komisch?

Genazino: Die Sachen, die objektiv komisch sind, sind für mich unbrauchbar, weil sie ihre Komik schon öffentlich gemacht haben. Ich muss etwas finden, das individuelle Verunglimpfung ermöglicht.

Sie sind genauer Beobachter des Alltags, entdecken im Detail immer wieder Verweise auf das große Ganze. Wie gewinnen Sie diese Sicht?

Genazino: Meine Methode ist der gedehnte Blick. Ich schaue länger hin, als notwendig wäre. Und spekuliere damit, dass das beobachtete Objekt einen heiteren Überschuss produziert. Das hat sich vor Jahrzehnten herausgebildet, zum Beispiel bei Schulausflügen, wo der Lehrer, der sonst seriös gekleidet vor die Schüler trat, überraschend kurze Hosen trägt und ein belegtes Brot auspackt. Dadurch verwandelt sich für mich die ganze Person. Viele Jahre später habe ich wieder einen Mann in Shorts gesehen und mich an den Lehrer erinnert. Sie waren zu lang, der Rand lag auf den Knien. Ich habe ihn bewundert wegen seiner Souveränität. Findet er das komisch? Wahrscheinlich nicht, es ist ihm unterlaufen.

Woher kommen Ihre Figuren?

Genazino: Wenn ich das so genau wüsste. Es sind Anteile aus beobachteten Menschen und mir vertrauten Menschen, die so bearbeitet sind, dass sie das nicht merken. Dazu Splitter meines Ichs.

Sie schreiben „Das Leben war etwas, das noch einzutreten hatte". Das ist ein Gefühl, das viele Ihrer Protagonisten erleben. Bitte erläutern Sie es.

Genazino: Das haben meine Figuren häufig. Es ist das selbst fabrizierte Gefühl, nicht richtig am Leben teilzunehmen. Irgendwas setzt sie zurück von der vollsaftigen Teilhabe. Das ist bei diesen Männern - es sind fast immer Männer - ein Gefühl ohne äußeren Anlass.

Wird man pessimistischer, wenn man sich mit solch verzweifelten Figuren befasst?

Genazino: Das kann ich nicht feststellen. Als ich meine Jugend abgeschlossen hatte, war ich im Grunde schon wie jetzt. Ich habe keine Erlebnisse gehabt, die mich herabgestimmt hätten. Es ist eben meine innere Lupe, mit der ich auf die Welt schaue.

Flanieren als Recherchemethode - wie geht das konkret?

Genazino: Ich mache das nicht stundenplanmäßig, ich laufe herum wie andere auch. Plötzlich habe ich einen Anblick, einen Kontakt zu einer von mir beobachteten Situation. Die merke ich mir genau, notiere Stichworte, damit ich diesen Blick zu Hause rekonstruieren kann.

Wenn ein Flanieranfänger auf Tour gehen wollte, wohin würden Sie den schicken?

Genazino: Das würde ich nie tun. Was mich interessiert, ist das belanglose Detail. Ein herrenloser Schuh am Straßenrand. Der sieht noch gut aus. Ist kein Müll. Ist da jemand ausgeraubt worden? War er betrunken? Sie merken, wie da was losgeht, sofort kommt ein Text. Der ist mein Signal für eine nichtige Außerordentlichkeit. Oder ich finde am Mainufer einen leeren Geldbeutel. Ich sehe darin das Bild einer Frau. Ist die tot? Bin ich der Letzte, der sie sieht?

Wie schreiben Sie ganz konkret?

Genazino: Ich habe Arbeitsmappen, lose Blätter mit fortlaufenden Nummern. Mit der Schreibmaschine trage ich dort erste Beobachtungen ein, wenige Zeilen lang. Zum Aufbewahren. Wenn ich an einem größeren Text arbeite, habe ich auf einmal einen Mann, der einen Geldbeutel findet, und dann fällt mir ein, dass ich das selbst erlebt habe.

Sie schreiben vom Glück in glücksfernen Zeiten - wo können wir das finden?

Genazino: In Frankfurt machen oft Familien Picknicks im Park, etwa Griechen. Die lagern und unterhalten sich. Möglicherweise ist es Glück, wenn man weiß, genau hiervon wird irgendwann wieder einmal erzählt werden. So entsteht eine Gemeinschaft durch Essen, Trinken und Erzählen.

Der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor wird seit 1985 jährlich vergeben und zeichnet mit 10 000 Euro Autoren aus, deren Werk auf hohem künstlerischem Niveau von Komik und Groteske geprägt ist. Vergeben wird er von der Stiftung Brückner-Kühner und der Stadt Kassel. Die Stiftung wurde von den Schriftstellern Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner ins Leben gerufen, die 30 Jahre in Kassel lebten. Der erste Preisträger war Loriot. Nach ihm wurden unter anderen Ernst Jandl, Robert Gernhardt, Gerhard Polt und Peter Rühmkorf, Thomas Kapielski und Ulrich Holbein ausgezeichnet.

Der Förderpreis Komische Literatur (3000 Euro) geht an Wolfram Lotz.

Preisverleihung: Samstag, 17 Uhr, im Kasseler Rathaus. Die Veranstaltung eröffnet das Komik-Kolloquium (bis 2. März).

www.komik-kolloquium.de

Von Bettina Fraschke

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