Zweite Inszenierung: "EI"

Premiere der Tanz-Choreografien „Anarchy of the body“ im Kasseler Schauspielhaus hinterlässt Verwirrung

Sie sind ruppig zueinander: (von links) Safet Mistele, Luca Ghedini, Alessia Ruffolo, Cree Barnett Williams, Alison Monqiue Adnet, Shafiki Sseggayi im Stück „re-recreator“ von Tanzdirektor Johannes Wieland. Fotos: N. Klinger

Kontrollverlust. Etwas, was Menschen oft nur schwer aushalten. Aber auch etwas, was wie eine Befreiung wirken kann. Unter dem Titel „Anarchy of the body“ stand die Tanztheaterpremiere im Schauspielhaus.

Inszenierung „re-creator“

„Es hat mit loslassen zu tun“, sagt Cree Barnett Williams am Ende von „re-creator“, des ersten Stücks des Doppelabends im Kasseler Schauspielhaus. Sie geht alleine von der Bühne, eine Wand trennt sie von den anderen acht Tänzern, deren Bewegungen man gerade noch gesehen hat und die man jetzt hört.

Tanzdirektor Johannes Wieland lässt körperlichen und – wenn Tänzer mit aufgerissenen Augen wie der Welt entrückt ins Publikum starren – scheinbar geistigen Kontrollverlust zu. Doch auch wenn sechs große Ventilatoren auf der leeren Bühne futuristisch über den Köpfen der neun Tänzer den Nebel verwirbeln, der Sound schneller, lauter und die Bewegung exzessiver wird – Ausdruck und Bewegungssprache wirken nicht so gewaltig, wie in Wielands intensiver „Morgendämmerung“.

Was daran liegen mag, dass bei der getanzten Anarchie die Körper trotzdem bis ins kleinste Detail unter Kontrolle sind. Denn jedes Zucken, hysterische Lachen, Gespräch, jede Übertreibung – einfach jede Aktion auf der Bühne, die mal an Techno-Disconächte auf Droge, mal an schamanische Tänze oder an wirbelnde Derwische erinnert, verlangt Körperbeherrschung. Kein Beinschlenker scheint einfach zu passieren. Die Tänzer sind meist ruppig zueinander – auch wenn geküsst wird. Die Bewegungen sind oft schnell, aber auch deutlich artikuliert – klar lesbar.

Doch fordert Wieland gerade beim Thema Anarchie tänzerisch nicht alles vom hervorragenden Ensemble. Als habe er das erkannt, setzt er wie zur Verstärkung auf nackte Oberkörper – auch von Frauen. Eine Provokation ist das im zeitgenössischen Tanz nicht mehr. Als Stilmittel trägt es – anders als bei Wielands „the rite of spring“, bei dem splitternackt getanzt wurde – hier weniger.

Die stärksten Szenen: Wenn die Musik schweigt. Dann geben auf der wie ein Filmset ausgeleuchteten Bühne nur die Schritte der Tänzer, die Schuhe tragen, in steppender Ekstase den Takt vor.

Inszenierung „Ei“

Gemächlicher lassen die Choreografen Annamari Keskinen und Ryan Mason, beideeinst Publikumslieblinge im Kasseler Ensemble, die Körper der Tänzer sprechen und sorgen für poetische Bilder unter dem über der Bühne schwebenden Sputnik. Cree Barnett Williams hält eine Tüte Milch in der Hand, aus der unablässig die weiße Flüssigkeit auf die Bühne läuft – ihr Bauch schwillt an und man hört den Herzschlag eines Fötus bei der Ultraschall-Untersuchung wummern. In der Sputnik-Umlaufbahn ist nicht nur die Tänzerin zu sehen, da sitzt auch ein vom Leben gezeichneter Mann (Jegor Vysotsky) stoisch auf einem qualmenden Stuhl (Bühne: Matthieu Götz).

Würde und Schönheit: (von links) Morgan Bobrow-Williams und Dafni Krazoudi in der Choreografie „EI“.

Es ist das Unvorhersehbare in diesem fremdartig bekannten Welt-Raum, was fasziniert. Vor allem der Dauerlauf im Stroboskopblitzlicht entfaltet eine soghafte Wirkung. Schließlich sorgen die orientalisch anmutenden, farbenprächtigen Kostüme (Evelyn Schönwald) für Gefühle, die sich nicht wirklich greifen lassen – Würde und Schönheit des Geistes in einer Welt, die sich ändert, offenbar stolpert. Vielleicht. Doch auch im klugen Zusammenspiel der komplexen Sinneseindrücke und dem ausdrucksstarken Spiel hätte der Tanz präsenter sein können. Logisch erscheint nicht viel bei „Ei“, es hinterlässt Verwirrung bei einigen Zuschauern – auch eine Form der Anarchie. Langer Applaus für doppelten Kontrollverlust.

Es tanzten:

Alison Monique Adnet, Cree Barnett Williams, Dafni Krazoudi, Alessia Ruffolo, Morgan Bobrow-Williams, Luca Ghedini, Niv Melamed, Safet Mistele, Shafiki Sseggayi.

Wieder: 5., 9., 15.12., Karten: 05 61/1 09 42 22.

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