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Premiere eines märchenhaften Tanzdoppelabends begeistert im Kasseler Schauspielhaus

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Von: Kirsten Ammermüller

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Acht Tänzer in weißen Anzügen auf einer weißen Bühne
Kühl, mechanisch, präzise: Die Tänzer in Liliana Barros Stück „100 Years 100 Hearts“. © Sylwester Pawliczek

Mit begeistertem Applaus wurde die Tanzcompagnie des Staatstheaters Kassel für ihre zwei Uraufführungen rund um das Thema „Dornröschen“ gefeiert.

Kassel – Mal angenommen, Dornröschen hätte nicht nur einmal hundert Jahre geschlafen, sondern gleich mehrere. Was würde die Königstochter im 21. Jahrhundert sagen, und würde sie sich einfach von einem zufällig dahergelaufenen Prinzen küssen lassen? Das Märchen hat auch heute noch jede Menge aktuelle Botschaften, wie die umjubelten Premiere der Tanzsparte des Kasseler Staatstheaters am Samstagabend mit den beiden Uraufführungen „100 Years 100 Hearts“ von Liliana Barros und „Dawn and Day“ von Sita Ostheimer bewies – Willkommen Dornröschen!

Mit den beiden Stücken zu „Dornröschen“ setzt die Tanzsparte des Kasseler Staatstheaters die in der vergangenen Spielzeit mit dem „Schwanensee“ begonnene Trilogie der Tschaikowsky-Stücke fort. Als großes Ausstattungsballett sind die Werke in den letzten Jahren zunehmend in die Kritik geraten, in einigen Balletthäusern gar vom Spielplan gestrichen worden. Nicht verbannen, sondern mit den künstlerischen Mitteln des zeitgenössischen Tanzes kritisch hinterfragen, lautet der Ansatz der Tanzsparte in Kassel.

Die portugiesische Choreografin Liliana Barros erforscht in ihrem Stück „100 Years 100 Hearts“ den Subtext des Märchenstoffs aus einer zeitlichen Perspektive – ein erzählerischer Handlungsstrang ist erkennbar. Die Bühne (Sibylle Pfeiffer) wirkt leer, ein wenig kühl. Zwei große, silbern glänzende Steine sowie zwei bewegliche wandähnliche Module sind die einzigen Requisiten. Die Kostüme (Irina Bartels) sind ebenfalls in Weiß und Silber gehalten, unterstreichen Plastizität und Bewegung der Tänzer. Und diese Bewegungssprache ist besonders: Mechanisch vollführen die Tänzer mit entrücktem Blick eine Art artistische Erkundung nach dem menschlichen Bewegungsablauf – auf Armen, Ellenbogen, Knien finden sie zunehmend in den aufrechten Gang.

Barros legt den Fokus auf Metaphern und Symbole des Märchens, das sie vor allem als eine Coming-of-Age-Geschichte liest. Die Spindel beispielsweise, die in der Märchenforschung auch als Bewegung der Zeit und als Schicksal gedeutet wird, greift die Choreografin durch ein von der Decke hängendes Seil auf, an dem die Tänzerin kreist und schließlich im Schlaf versinkt. Das Heranwachsen zur Frau beinhaltet den ersten Zyklus. Beinahe anrührend ist die Szene, in der eine Tänzerin rote Plüschbälle verliert und sie unter ihrem silbernen kurzen Umhang wieder einsammelt. Hämmernd und kreischend – die Musik von Martin Mitterstieler ist wie eine Collage menschlicher Evolutionsgeschichte und unterstreicht die mechanischen Bewegungen der Tänzer.

„Dawn and Day – Dämmerung und Tag“ heißt das Stück von Sita Ostheimer. Die Choreografin dringt tief in den unterschiedlichen Versionen des Märchens zu seinem Ursprung vor. Wie hat sich bei der Überlieferung der jeweilige Zeitgeist manifestiert, was ist die Aussage im Kern? Die Kostüme (Irina Bartels) sind zeitlos, die Bühne (Sibylle Pfeiffer) lässt viel Raum, in der Barnaby Booth mit seinem Lichtdesign unterschiedliche Akzente setzt. Die Musik von Adrien Casalis unterstreicht die archaisch anmutende Szenerie, mit einer sinfonischen Klanginstallation.

Ostheimer nimmt sich den Märchenstoff nicht als Narrativ vor. Vielmehr greift sie kontrastierende Elemente auf und stellt sie wie in einem großen Gemälde aus Klang und Bewegung einander gegenüber. Da gibt es einen König zu entdecken, Szenen der Unterdrückung und der Liebe stehen nebeneinander im Wechselspiel aus Hell und Dunkel. Der Tanz ist voller Energie. Mal geprägt von Macht und Rivalität, dann wieder voller Leidenschaft und Respekt. Die Bewegungssprache ist fließend organisch, erinnert, von Trommeln begleitet, an rituelle Tänze und zieht mit ihrer großen Energie das Publikum magisch in den Bann. Tosender Applaus für beide Stücke.

Weitere Termine

26.10., 19.30 Uhr, 6.11., 16 Uhr sowie 19.11., 16., 20., 23. und 26.12., jeweils 19.30 Uhr, staatstheater-kassel.de

Voller Energie und Kraft: Girish Kumar Rachappa (von links), Selene Martello und Safet Mistele in „Dawn and Day“ von Sita Ostheimer.
Voller Energie und Kraft: Girish Kumar Rachappa (von links), Selene Martello und Safet Mistele in „Dawn and Day“ von Sita Ostheimer. © Privat

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