Familienleben als Geisterbahn

Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" im Schauspielhaus

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Im Nebel des Drogenrausches: Christina Weiser als Mary. 

Kassel. Markus Dietz inszeniert Eugene O'Neills Drama "Eines langen Tages Reise in die Nacht" als Drogentrip zwischen Zärtlichkeit und Verzweiflung.

Einen Whiskey vor dem Mittag wird man sich ja wohl noch eingießen dürfen. Oder zwei. Mit steigendem Promillepegel oszilliert die Stimmung in diesem Sommerhaus dann zwischen Zuneigung und Zerwürfnis. Der US-Dramatiker Eugene O’Neill entwirft in seinem Kammerspiel „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ das Porträt einer Familie, die um ihren Zusammenhalt ringt. Die mit einem Schicksalsschlag aus der Vergangenheit fertig werden muss, mit Schuld, Vorwürfen, Neid. Markus Dietz inszeniert das stark autobiografische Drama am Kasseler Schauspielhaus, die nicht ausverkaufte Premiere am Samstag wurde lange beklatscht.

Bernd Hölscher spielt darin einen unbeholfenen Vater, der „Donnerwetter!“ und „picobello!“ ruft, wenn er sich mit seinem Sohn verbünden will. Er macht spürbar, dass seine Figur James jahrzehntelange Routine darin hat, die Unsicherheiten und Stimmungsschwankungen seiner Frau Mary zu kompensieren. James beherrscht eingeübte Knuddeleien ebenso wie das übergangslose Wechseln von Vorwurfskaskaden zu Tröstversuchen.

Hagen Bähr als älterer Sohn Jamie in Jogginghose und Adiletten (Kostüme: Henrike Bromber) kann mit unnachahmlicher Verachtung die Mundwinkel runterziehen und seinem Gegenüber Sätze vor die Füße spucken wie ein ungenießbares Stück Fleisch. Der nächtliche Totalrausch mit begleitendem Lallen gerät dagegen unglaubwürdiger.

Marius Bistritzky zieht sich als jüngerer Sohn Edmund wunderbar in den Welpenstatus zurück, fordert Minuten später aber ein, endlich ernst genommen zu werden.

Die Vorwürfe beginnen: Marius Bistritzky als jüngerer Sohn Edmund (von links), Hagen Bähr als älterer Sohn James junior, Bernd Hölscher als Vater James. Am Klavier: Michaela Klamminger als Hausmädchen Cathleen.

Die differenzierteste Darstellung bietet Christina Weiser als morphiumsüchtige Mutter Mary. Wie sie sich zusammenreißen will, ihren Körper aber nicht ganz im Griff hat, wie sie Unliebsames mit einem Schulterzucken wegwischt. Nach Trost suchend, stürzt sie sich ausgerechnet in die Verzweiflung. Von Schuss zu Schuss begibt Mary sich tiefer in die trügerisch hoffnungsspendende Vergangenheit, bis mädchenhafte Unschuld aufscheint.

Eine kleine Rolle als Hausmädchen Cathleen hat außerdem Michaela Klamminger, Lukas Gerlach und Nelio Neumann wechseln sich als Statisten in der Rolle des tragisch gestorbenen toten Sohnes ab, der stumm durch die Szene tapst.

Familienleben als Geisterbahnfahrt: Kalkuliert drastisch, insgesamt ist das alles aber zu lang und zu wenig nuanciert. Wer schon in der ersten Hälfte des Zwei-Stunden-Abends voll im Abgrund steckt, betrunken, verstrickt, zynisch, kann später kaum noch wirklich tiefer hineinrutschen. Außerdem muss man sagen, dass sich noch der heftigste Dauersuff auf der Bühne abnutzt und vor allem in der zweiten Hälfte des Abends wenig neuen Erkenntnisgewinn bringt im ewigen Hin und Her zwischen Angreifen und Reue, Liebe und Hass, Schreien und Schimpfen, Fluchen und Wimmern.

Die Metaphorik für den Rausch an sich – dicker Nebel, per Megafon verfremdete Stimmen, abkippende Bühnenelemente – sind nicht gerade subtil, ebenso wenig das Labyrinth aus Dutzenden Schnapsflaschen am Boden (Bühne: Ines Nadler). Schön ist aber die Idee, mit schnörkeligen Neonröhren die Schriftzüge Morning und Night an der Bühnenrückseite aufscheinen zu lassen, auch ein Nocturne von Chopin, das im Lauf des Abends immer mehr dekonstruiert wird. Der Klavierklang verweht.

Wieder am 25., 26., 30.5., Karten: 05 61/1094 222

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