Musikalische Komödie

Premiere im Opernhaus Kassel: Retrohumor im "Wildschütz" 

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Ein ungleiches Paar: Schulmeister Baculus (Yorck Felix Speer) und seine Braut Gretchen (Karola Sophia Schmid), hier mit dem Opernchor.

Die romantische Spieloper "Der Wildschütz" von Albert Lortzing setzt auf skurrile Typen und Verwechslungen. Das Staatstheater Kassel versucht sich an einer angedeuteten Aktualisierung.   

Es gibt Opern, die sind zeitlos. Und es gibt solche, die aus der Zeit gefallen scheinen. Zur zweiten Kategorie gehört Albert Lortzings 1842 uraufgeführte Spieloper „Der Wildschütz“, die am Samstag im KasselerOpernhaus Premiere hatte. Eine musikalische Komödie, zum Teil mit gesprochenen Dialogen, die in eine enge Biedermeierwelt des frühen 19. Jahrhunderts führt – aber leider kaum darüber hinausweist.

Der schon etwas ältere Schulmeister Baculus (Yorck Felix Speer) wird ausgerechnet am Tag seiner Verlobung mit dem jungen Gretchen (Karola Sophia Schmid) vom Grafen entlassen. Der Grund: Wilderei – er soll einen Rehbock geschossen haben. Ein Knalleffekt, doch am Ende wird sich der in Wohlgefallen auflösen – der vermeintliche Rehbock war Baculus’ Esel.

In dieses Beinahedrama hat Lortzing, der auch das Libretto schrieb, eine Verwechslungskomödie gebaut, deren Clou darin besteht, dass die als Mann verkleidete Schwester des Grafen, Baronin Freimann (Jaclyn Bermudez), anbietet, sich als Frau zu verkleiden, um als Gretchen beim Grafen ein gutes Wort für Baculus einzulegen. Am Ende wird sie dem (ebenfalls incog-nito reisenden) Bruder der Gräfin, Baron Kronthal (Daniel Jenz), in die Arme fallen – der viel beschworenen „Stimme der Natur“ folgend.

Bunt und leicht klamaukig 

Was macht man mit diesem Stück? Regisseur Tom Ryser setzt auf eine bunte, leicht klamaukige Rasanz, vor allem aber auf die starke Präsenz seiner Sängerdarsteller. Dabei erlaubt Julie Weidelis Bühne (anfangs eine hölzerne Fassade, dann ein mit stilisierten Geweihen ausgestatteter Prunksaal, am Ende ein Nebelwald) keine zeitliche Einordnung des Geschehens. Ebensowenig Magali Gerberons Kostüme: Ihre prächtigen Fantasy-Trachten schmücken vor allem den (wieder einmal sehr präsenten) Opernchor.

Dass die ohnehin wenig subtilen Vor-Ehe-Kabbeleien mit reichlich Ohrfeigen garniert werden, möchte man aber doch gern in der Vergangenheit verortet wissen. Auch dass die Schulmädchen (Cantamus-Jugendchor) ihr devotes Bittlied für den Verbleib des Lehrers wie Cheerleader mit Puscheln anstimmen, wirkt etwas merkwürdig.

Vergleich mit Mozart hinkt 

Musikalisch lebt der Abend vom Können der Bühnenakteure wie vom engagierten Dirigat des Ersten Kapellmeisters Alexander Hannemann und dem gut disponierten Staatsorchester. Highlight der Oper ist ein nächtliches Ensemble der um das „falsche“ Gretchen buhlenden Männer am Billardtisch, in das Baculus lautstark mit dem Choral „Wach auf, mein Herz, und singe“ einfällt.

Der (auch im Programm gezogene) Vergleich mit Mozart hinkt jedoch. Lortzings Anleihen beim Salzburger Genie sind hier zu Formeln geronnen – oft mit endlosen Kadenzierungen. Mehr als eine Illustration des Geschehens bietet die Musik nur ausnahmsweise. Etwa in den Momenten, da Baron Kronthal seinen Weltschmerz auslebt. Daniel Jenz setzt hier mit viel Tenorschmelz und hoher Agilität die Glanzpunkte. Stimmkraft und ein feines komödiantisches Timing zeichnet Yorck Felix Speers Baculus aus. Seine Arie „5000 Taler“ (für die er seine Braut an den Baron verticken will) zählt zu den Höhpunkten. Jaclyn Bermudez verleiht der Baronin mit feinem Timbre viel Gefühl, während Karola Sophia Schmids Gretchen eine unbekümmerte Frische ausstrahlt. Zwischen Würde und Lächerlichkeit balanciert Inna Kalininas Gräfin, dagegen verkörpert Daniel Holzhauser den Grafen eher rau als elegant.

Freundlicher Applaus im Opernhaus, dessen Reihen sich nach der Pause aber bereits etwas gelichtet hatten.

Wieder am 31.5., 1. und 7.6. sowie am 1.6., 20.04 Uhr, auf hr2.

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