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Tanzdoppelabend im TiF des Kasseler Staatstheaters als Auftakt der Reihe „Let’s talk about Sex“

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Von: Kirsten Ammermüller

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Das Spiel mit Dominanzen in „Sadim“ von Sahar Damoni: Vincenzo Minervini und Anna Gorokhova.
Das Spiel mit Dominanzen in „Sadim“ von Sahar Damoni: Vincenzo Minervini und Anna Gorokhova. © Corinna Rosteck

„Lass uns über Sex sprechen“ – die Sparte Tanz des Staatstheaters hat für ihre Reihe „Seasons“ im Theater im Fridericianum (TiF) ein provokantes, wenn nicht leicht anzügliches Thema gewählt.

Kassel - Doch ist mit „Let’s talk about Sex“ weniger der Akt zwischen zwei Menschen gemeint, als vielmehr die Frage nach Geschlecht und dem Menschensein. Mit den zwei beeindruckenden Uraufführungen „Stilte/Silence/Stille“ von Kristel van Issum und „Sadim“ von Sahar Damoni startete am Freitag die Reihe und verdeutlichte, wie weitreichend das Gespräch über Geschlechtlichkeit und Identität gefasst sein kann.

Zwei intensive und komplexe Stücke, die sich jeweils durch eine ganz eigene Bewegungssprache auszeichnen. Gleichzeitig machten sie für das Publikum beinahe physisch deutlich, was Tanz als Kunstform vermag: Vergangenes und Zukünftiges in der Gegenwart vereinen. Im Moment der Bewegung .

Die Niederländerin Kristel van Issum entwickelte die Idee zu „Stilte/Silence/Stille“ unter dem Eindruck der Pandemie, dem Stillstand des öffentlichen Lebens, der Abgeschiedenheit des Individuums. Was bedeutet der Stillstand für die Menschen, für ihren Anschluss im sozialen Miteinander? Isabell Heinke greift in ihrer Idee für die Bühne assoziativ einen Häuserkomplex auf – Fenster umschließen eine Art Innenhof. Gleichzeitig verschwimmen die Ebenen von drinnen und draußen. Die fehlende Ordnung von Raum und Zeit wird von den Tänzern in ihrer Bewegungssprache aufgegriffen. Orientierungslos im eigenen Körper suchen sie Halt in ihrem Gegenüber. Doch das scheint in dem fehlenden Bezug zu sich selbst nicht möglich. Immer wieder stoßen sie an Grenzen, ohne sie wahrzunehmen.

Van Issum nutzt eine starke Bewegunssprache in der humorvolle, ja slapstickartige Elemente im nächsten Moment ins Groteske kippen und die Hilflosigkeit des Menschen spürbar wird.

Musikalisch werden beide Stücke von Donato Deliano begleitet. Die abstrakte Tonkulisse am Klavier von „Stilte/Silence/Stille“ wird am Ende durch ein poetisches Stück mit dem Akkordeon abgeschlossen. Ein Moment, der beinahe wehmütig die Vergangenheit beschwört.

Es tanzen Gil Amishai, Sophie Borney, Sophie Ormiston, Hyeonwoo Bae und Ido Stirin. Hervorzuheben ist neben der exzellenten Leistung der ganzen Compagnie die Leistung von Klil Ela Rotshtain, die kurzfristig eingesprungen war, ohne zuvor einen kompletten Durchgang mitgetanzt zu haben. Souverän meisterte die Tänzerin die exponierte Rolle.

„Where to start – wo beginnen?“ fragten die Tänzer in „Sadim“ von der Palästinenserin Sahar Damoni. Ein sich wiederholender Bewegungsablauf. Die Tänzer liegen bäuchlings auf dem Boden und malen dabei mit Stiften um sich herum ein Muster auf die Bühne – ähnlich Koordinaten, deren Zentrum sie selbst sind. Die Choreografin verdeutlicht ihre stetige Suche, ihre Konflikte, die sie als Künstlerin, als Frau aus einer arabischen Kultur stammend, zu bewältigen hat. Die Bewegungssprache ist komplex, provokant und spielt mit wechselnden Dominanzen der Akteure. Mal intim, mal aggressiv, erzählt Damoni von einer Suche nach dem eigenen Ich. Die Choreografin verbindet das Stück mit einem Gedicht von Nizar Qabbani, das in einer gesungenen Version auf arabisch zu hören ist. Sehnsucht und Verlust, Vergangenes und Zukünftiges werden hier besungen und auf der Bühne durch die Flüchtigkeit der Bewegung gespiegelt. Verletzlich und entblößt erscheinen die Tänzer, nach dem sie unter einer Dusche ihre weiße Kleidung durchnässt haben.

Es tanzten: Emily Paige Anderson, Anna Gorokhova, Yannis Brissot, Vincenzo Minervini, Safet Mistele und Shafiki Sseggayi.

Langer Applaus für beide Produktionen.

Wieder am 9., 10., 18., 28.12 und 29. 1., Karten: 05 61/109–

42 22. staatstheater-kassel.de

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