Premiere: Kasseler Staatsorchester mit Bruckners Neunter

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Erstmals Bruckners Neunte mit dem Finale aufgeführt: Gastdirigent Marc Piollet und das Staatsorchester Kassel.

Kassel. Als Kapellmeister des Kasseler Staatsorchesters hat Marc Piollet zwischen 1997 und 2002 für außergewöhnliche Konzerte gesorgt. Nun kehrte er als Gastdirigent mit Bruckners Neunter zurück.

Bei unvollendeten Musikwerken stellt sich immer die Frage, wie man sie aufführen soll - als Torso oder von fremder Hand ergänzt. Das ist bei Mozarts „Requiem“ nicht anders als bei Anton Bruckners neunter Sinfonie. Deren Finale war zwar fertig konzipiert, als Bruckner am 11. Oktober 1896 starb. Doch Teile des Materials gingen verloren, sodass die Sinfonie jahrzehntelang entweder nur mit den drei vollendeten Sätzen oder mit Bruckners „Te Deum“ anstelle des Finales aufgeführt wurde.

Es war daher ein besonderes Ereignis, dass Bruckners Neunte beim Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters mit einer Rekonstruktion des Finales gespielt wurde. Gastdirigent Marc Piollet, der in seiner Zeit als Kapellmeister in Kassel zwischen 1997 und 2002 immer wieder außergewöhnliche Konzertprogramme aufgelegt hat, griff auf die neueste Ausgabe der inzwischen weithin anerkannten Fassung der vier Bruckner-Experten Nicola Samale, Giuseppe Mazzuca, John A. Phillips und Benjamin Gunnar Cohrs zurück.

Cohrs selbst wies in einer Einführung vor dem Konzert darauf hin, dass letztlich nur sehr geringe Lücken in der Partitur komplett neu zu füllen waren. Doch die eigentliche Rechtfertigung für die viersätzige Fassung war das klingende Ergebnis, das Konzert selbst.

Die neunte Sinfonie, in der „göttlichen“ (lat. deus) Tonart d-Moll endet hier mit dem Halleluja-Jubel in D-Dur, den dieses „dem lieben Gott“ gewidmete Werk nur beschließen kann. Doch was für eine Wegstrecke wird in den 80 Minuten bis dahin zurückgelegt!

Marc Piollet ließ in seinem stablosen Dirigat von Anfang an keinen Zweifel daran, dass es ungemütlich wird in dieser Sinfonie. Latente Unruhe schon nach der Horneinleitung, ein karger Streicherklang beim zweiten Thema, geradezu Panik beim lärmenden Wiedereintritt des ersten Themas im Kopfsatz.

Der hämmernde Dreierrhythmus des Scherzos kam fast schon grob, und auch das Trio in der Satzmitte bot keine Entspannung. Zumindest dynamisch hätte das umfangreiche Adagio mit seinen langen Steigerungsstrecken etwas mehr Zurückhaltung gutgetan, sehr schnell wurde jeweils das Lautstärke-Maximum erreicht - schon vor dem Abbruch auf dem berühmten dissonanten Sieben-Töne-Akkord.

Nicht nur hier zeigt sich die weit vorausweisende Modernität von Bruckners Neunter, die dann im letzten Satz alles an thematischer Verarbeitungskunst bis hin zu einer Doppelfuge daransetzt, sich aus einem musikalischen Kosmos der Verzweiflung zum „Dennoch“ der Apotheose durchzuarbeiten. Selbst das verlorene zweite Thema verweigerte sich hier jeder Eingängigkeit. Eine Riesenleistung auch des hier ungewöhnlich aufgeraut klingenden Staatsorchesters.

Das Publikum in der fast ausverkauften Stadthalle feierte am Ende die Aufführenden. Es war aber auch ein Triumph der „forensischen Musikwissenschaft“, wie der Dirigent Sir Simon Rattle die Rekonstruktion des Finales nannte.

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