Premiere am Opernhaus: Im roten Rausch der Rache

Alles versinkt im Blut: Szene vom Schluss der Oper mit Chrysothemis (Vida Mikneviciute, in Weiß), Orest (Young Doo Park, am Boden) und dem Opernchor als Volk. Fotos: Klinger

Markus Dietz inszeniert, Patrik Ringborg dirigiert die Richard-Strauss-Oper „Elektra" am Staatstheater

Kassel. Angesichts dessen, was danach folgt, wirkt das Anfangsbild wie Hohn: ein bühnengroßes Foto von vier fröhlichen Kindern in sonniger Natur. Ihre Namen lassen jedoch Schlimmes ahnen: Iphigenie, Elektra, Chrysothemis, Orest. Regisseur Markus Dietz hat die Kinderszene nicht zufällig an den Anfang seiner Inszenierung von Richard Strauss’ Antiken-Oper „Elektra“ gestellt, die am Samstag im Kasseler Opernhaus Premiere hatte. Denn um das Ausmaß an Hass, Vergeltungssucht und Gewalt zu verstehen, das im Libretto Hugo von Hofmannsthals steckt und aus Strauss’ Musik förmlich herausbricht, greift Dietz über die kompakte Opernhandlung der auf ihre Rache wartenden Elektra hinaus.

In einer stummen Handlung sind die vier Kinder auf der Bühne stets präsent, und es wird das Urverbrechen gezeigt, das als Fluch auf der Atriden-Sippe liegt: Agamemnon opfert für den Erfolg des Troja-Feldzugs seine Tochter Iphigenie. Und man ahnt, dass es ein furchtbares Vater-Tochter-Drama gibt, weswegen Elektra ihrerseits die Ermordung Agamemnons durch seine Gattin Klytämnestra und deren Geliebten Ägisth rächen muss.

So heftig Strauss in seiner Musik die Schrecken der Tragödie ausmalt, so drastisch zeigt Dietz sie auf der von Ines Nadler gestalteten Bühne. Die große Mauer des Palasts von Mykene, die die Bühne beherrscht, beginnt zu bersten, Menschen brechen durch, Blut fließt in Strömen herab und bildet einen See. In diesem Szenario bekommen die handelnden Figuren etwas Überlebensgroßes, gleichzeitig aber werden sie in großen dialogischen Szenen psychologisch subtil herangezoomt.

Nähe durch Hass: Elektra (Ingela Brimberg, links) und Klytämnestra (Ulrike Schneider).

Ingela Brimberg ist als Elektra zuallererst ein Stimmwunder – unglaublich voluminös, dabei weich, aber mit festem Kern versehen ist ihre Sopranstimme. So unbeirrbar sie als starke einsame Frau das Racheziel verfolgt, so deutlich wird doch auch im grandiosen Dialog mit ihrer Mutter Klytämnestra die verdrängte Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Nähe. Klytämnestra wird von Ulrike Schneider mit wunderbar tiefen Mezzo-Farben ausgestattet und – durch die Vorgeschichte beglaubigt – als komplexer Charakter gezeichnet („Was Wahrheit ist, das bringt kein Mensch heraus“). Mondäne Kaputtheit, die in einem Großvideo mit blutunterlaufenen Augen ebenso ihren Ausdruck findet wie in ihrem klunkerbehängten Outfit (Kostüme: Henrike Bromber).

Die dritte starke Frau, Chrysothemis, wird am Ende die einzige Überlebende der Familie sein. Vida Mikneviciute zeichnet sie mit gewaltiger Stimmkraft als Frau, die aller Anfechtung zum Trotz an ihren menschlichen Zielen festhält. Orest hingegen, von Young Doo Park mit voluminösem Bariton versehen, überlebt die als schwere Pflicht erlebte Rachetat ebensowenig wie die im Triumph sich verausgabende Elektra – das antike Happy End durch die alles versöhnende Göttin Athene hat in dieser Oper keinen Platz.

Neben den feinen Gesangsleistungen des Ensembles und der Opernchores ist es das von Patrik Ringborg hervorragend disponierte Staatsorchester, das diesen Abend zu einem musikalischen Erlebnis macht. In der letzten Premiere seiner Kasseler Amtszeit gelingt es dem GMD, mit suggestiv gestaffelten Tempi und einer komplexen Klangregie einen hypnotischen Musikstrom zu erzeugen. Das Riesenorchester (unter anderem mit sechs Trompeten!) agiert in feiner Nuancierung (etwa in der fahlen Klytämnestra-Szene), steigert sich am Ende aber auch zu wahrlich extremer Klanggewalt.

Heftiger Beifall des begeisterten, aber auch mitgenommenen Premierenpublikums.

Wieder am 22.2., 4. und 15.3., Kartentel. 0561 / 1094-222.

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