Schluffi-Apokalypse in Verona

Premiere: "Romeo und Julia" am Kasseler Staatstheater

+
Erschlaffung überall: Caroline Dietrich (von links), Meret Engelhardt, Eva-Maria Keller, Lukas Umlauft, Hagen Bähr, Marius Bistritzky, Artur Spannagel, Konstantin Marsch, Uwe Steinbruch und Aljoscha Langel zu Beginn von „Romeo und Julia“.

Kassel. Johanna Wehner inszeniert William Shakespeares Tragödie "Romeo und Julia" am Kasseler Staatstheater. Wir waren auf der Premiere.

Das könnten Zombies sein. Untote, irrlichternd. Erschlafft ist die Gesellschaft, die Johanna Wehner in ihrer Inszenierung von William Shakespeares Liebestragödie „Romeo und Julia“ auf die Bühne bringt. Man hängt ab, mag sich kaum rühren, nicht mal für nächtliche Vergnügungen. Ein wenig Energie zusammenzukratzen lohnt allenfalls für die Hahnenkämpfe der Macho-Gangs, Capulet gegen Montague. Aufgeplustertes Jungsritual, das die tödliche Langeweile überlagern soll. Warum? „Es ist Brauch!“, ruft andauernd jemand.

Die Premiere am Kasseler Staatstheater wurde am Samstag lang beklatscht. Benjamin Schönecker hat eine Bühne gebaut, die aussieht wie der abgerockte Vorplatz eines Festsaals. Altmodischer Zigarettenautomat, Stuhlstapel, Feuerlöscher, funktionslose Geländer. gekachelte Kübel voller Pflanzen. Die sind allerdings vollkommen vertrocknet. Der Verfall ist nicht rückgängig zu machen.

Die Inszenierung will zeigen, dass sowohl die Feindschaft der Familien als auch die Liebe der Clansprösslinge so extrem sind, weil Gefühlsaufwallungen das einzige Elixier sind, das die Veroneser Schluffis nährt. So entstehen Hypes – ein brennend aktuelles Thema. Und die werden im Unterschied zum Kübel-Grün sorgsam gepflegt.

Auf dem Tanz-der-Vampire-artigen Ball sehen sich Romeo (mit zappeligem Charme: Marius Bistritzky) und Julia (von spröde bis blühend: Meret Engelhardt) kaum. Sie sind sich aber sofort sicher, dass die große Liebe sie getroffen hat.

Wie beide sich gefühlsmäßig hochjazzen, entfaltet Johanna Wehner in überzeugend durchdachter Szenenkomposition. Sie bringt Dialoge von Romeo und Julia mit ihren jeweiligen Autoritätspersonen parallel auf die Bühne. Lässt die Entflammten, auch wenn sie gar nicht miteinander im Gespräch sind, ihre Sätze chorisch sprechen, stellt die Erwiderungen der vernünftigen Alten dagegen. Und alles passt. Dennoch hätten gerade hier Momente von echter Begegnung und echtem Gefühlsaustausch als Kontrast zur szenischen Neustrukturierung und auch zur ironischen Brechung gutgetan.

Mit Satzfetzen und unzähligen Wiederholungen sollen wiederum Überdruss und ritualisierter Hass illustriert werden. Mal sind es nur einzelne Worte, mal auch nur ein kollektives Stöhnen. Das überzeugt zwar konzeptionell und ist oft witzig, führt aber auch zu deutlichen Längen.

Jung-Capulets und Jung-Montagues werfen sich Beleidigungen zu wie Kirmesburschen im feindlichen Festzelt. Da vieles chorisch gesprochen und partikelweise wiederholt wird (Respekt: Sowas ist sehr schwierig zu performen), entlarvt sich die Inhaltsleere ruckzuck. Wie kann ich als Individuum einen eigenen Weg einschlagen im Leben? Will ich das überhaupt?

In flackernden Momenten des Übereifers einzelner Figuren entstehen zudem schöne Slapstickszenen, wenn etwa Aljoscha Langel als Capulet seine Weste nicht zugeknöpft oder Lukas Umlauft als Montague die Zigarette nicht in den Mund geschnippt kriegt. Manchmal driftet die Tragödie aber auch an den Rand der Albernheit, etwa, wenn man sinnierend den Namen von Romeos Ex-Flamme sucht – im Original: Rosalinde – und dann von Hera Lind faselt, der Unterhaltungsautorin („Die Champagner-Diät“).

Feste Rollen gibt es kaum, Caroline Dietrich und Uwe Steinbruch ragen als eine Art Kommentatoren aus dem sehr engagiert und präzise agierenden Ensemble heraus, dem noch Eva-Maria Keller, Konstantin Marsch, Hagen Bähr und Artur Spannagel angehören. Man trägt Glanzroben und Glitter im Haar (Kostüme: Ellen Hofmann). Erst am Ende, angesichts des Todes der Liebenden, scheint ein Neustart für die Gesellschaft möglich.

Wieder am 15., 21., 22.9. Karten: 0561/1094222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.