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Premiere von „Bunbury – Ernst ist das Leben“ begeistert am Schauspielhaus Kassel

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Von: Kirsten Ammermüller

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Knallbunte Opulenz: Johann Jürgens als Jacqueline (von links), Sandro Sˇutalo als Diener, Lisa Natalie Arnold als Lord Bracknell, Jonathan Stolze als Algernine und Iris Becher als Gwendo.
Knallbunte Opulenz: Johann Jürgens als Jacqueline (von links), Sandro Sˇutalo als Diener, Lisa Natalie Arnold als Lord Bracknell, Jonathan Stolze als Algernine und Iris Becher als Gwendo. © Katrin Ribbe

Die Komödie „Burnbury - Ernst ist das Leben“ feierte am Samstag ihre Premiere. Die Inszenierung von Christian Weise kam beim Publikum gut an.

Kassel – Nicht alles was – eins, zwei, drei – auf den Bäumen ist, gehört der einen Kategorie Mensch an und was laut poltert der anderen. Überhaupt gibt das Publikum am besten sämtliche Vorstellungen normativer Geschlechterrollen vor dem Besuch der Komödie „Bunbury – Ernst ist das Leben“ an der Garderobe ab und lässt sich einfangen vom Spiel zwischen vermeintlich starkem und schwachem Geschlecht. Wem dabei welche Rolle zukommt, gar nicht einfach zu sagen. Bei der Premiere am Samstag im nicht ganz gefüllten Schauspielhaus zeigte sich, dass die Inszenierung des Oscar Wilde Komödienklassikers von Christian Weise alles andere als nur überholte Genderklischees aufmischt, der Regisseur fordert das Publikum heraus und landet einen Treffer inmitten der Genderdebatte.

Richtete Wilde seine Kritik gegen die Oberflächlichkeit der englischen Oberschicht, lenkt Weise die Kritik subtil auf eine aktuelle Fragestellung. Der Rahmen wird im Bühnenbild (Nina Preller) sichtbar: In großen, grünen Lettern prangt der Schriftzug „The Truth Is Rarely Pure And Never Simple“ („Die Wahrheit ist selten rein und niemals einfach“) über dem Geschehen. Das Interieur eines englischen Salons wird von einer Tapete mit frivolen Darstellungen, die an das Decamerone erinnern, geprägt. Ein ähnliches Muster schmückt die Kostüme (Paula Wellmann), barocke Opulenz bis in die Spitzen der Hochsteckfrisuren, alles in den knalligen Farben Pink, Lila und Grün.

Eins, zwei, drei auf den Baum: Algernine (Jonathan Stolze, links) umgarnt Cecil (Annalena Haering).
Eins, zwei, drei auf den Baum: Algernine (Jonathan Stolze, links) umgarnt Cecil (Annalena Haering). © Katrin Ribbe

So viel zu den Äußerlichkeiten, um die es Wilde in seiner Komödie ging. Die Dandys Algernon und Jack haben sich jeweils ein Doppelleben erdacht, um ihren amourösen Freuden nachzukommen und den gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entfliehen. Der Stadtmensch Algernon gibt vor seinen kranken Freund Bunbury auf dem Land pflegen zu müssen und Jack kehrt nur allzu gerne dem Landleben den Rücken, um seinen erfundenen Bruder Ernst vor der schiefen Bahn in der Stadt zu bewahren. Die beiden jungen Frauen Gwendolen und Cecily wecken aber in beiden Männern den Wunsch, ihr Lotterleben an den Nagel zu hängen. Doch auch die Damen sind alles andere als sittsame Moralverkörperungen, sie wollen beide nur einen Mann namens Ernst heiraten.

Ein Plot, den Weise mutig nutzt und mit der Frage nach fortgeschriebenen Rollenbildern konterkariert. Aus Jack wird bei ihm Jacqueline Worthing, Algernon wird zu Algernine Moncrieff, aus Gwendolen wird Honourable Gwendo Fairfax und Cecily wird zu Cecil Cardrew. Die männlichen Rollen werden dabei mit weiblich gelesenen Schauspielerinnen besetzt und umgekehrt – alles steht kopf.

Das wird von allen Darstellern meisterlich in Szene gesetzt. Jonathan Stolze verleiht der selbstbewussten Algernine eine sowohl verwöhnte wie verletzliche Zartheit und Eleganz und Jacqueline wird von Johann Jürgens herrlich naiv verkörpert. Einen Macho, der aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung kein Nein kennt und niemals für irgendetwas auch nur einen kleinen Finger krumm machen musste, das stellt Iris Becher grandios als Gwendo dar, während Annalena Haering als klugscheißender Grünspan Cecil einen auf dicke Hose macht, sich betont in den Schritt greift und – eins, zwei, drei – den Baum hoch und wieder runter klettert. Nicht minder originell ist die Darstellung des dickbäuchigen Familienoberhauptes Lord Bracknell von Lisa Natalie Arnold, den sie mit hessischem Akzent ausstattet. Sandro Sˇutalo schlüpft in die Rollen eines Dieners und einer Butlerin, herrlich skurril mit gelb gefärbtem Bart und Hochsteckfrisur. Weder eindeutig weiblich noch eindeutig männlich sind die Figuren des Theologen Chasuble sowie des Hauslehrers Prism angelegt und werden von Marcel Jacqueline Gisdol und Clemens Dönicke mit großer Präsenz ausgefüllt. Livemusik kommt von Falk Effenberger, der den devoten besten Freund des Menschen im Hunde-Lackkostüm am Klavier verkörpert.

Es ist keine Frage: Oscar Wilde hätte seine helle Freude an dieser Inszenierung gehabt. Die Figuren sind herrlich überspitzt, Stereotype werden benutzt, um sich selbst der Lächerlichkeit preiszugeben, das Gesellschaftsbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts dient als Spiegel für die Gesellschaft von heute. Herzlicher Applaus. (Kirsten Ammermüller)

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7., 10., 31. 12, 21. und 22. 01. sowie 7., 17. und 24. 02. staatstehater-kassel.de

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