1. Startseite
  2. Kultur

Zwischen Nachtclub und Nazi-Terror: „Cabaret“ am DT in Göttingen

Erstellt:

Von: Ute Lawrenz

Kommentare

Nachtclub-Star mit Tänzern: Germán Farías (von links), Pawel Malicki, Gaia Vogel als Sally Bowles, Wendel Lima und Michael Tucker.
Nachtclub-Star mit Tänzern: Germán Farías (von links), Pawel Malicki, Gaia Vogel als Sally Bowles, Wendel Lima und Michael Tucker. © Thomas Aurin

Am Deutschen Theater in Göttingen feierte das Musical „Cabaret“ Premiere. Es war ein großartiger Theaterabend, an dem einfach alles stimmte.

Göttingen – Hier wird der rechtsextreme Druck auf die Menschen spürbar: „Cabaret“ im Deutschen Theater Göttingen empfindet in der Inszenierung von Aureliusz Smigiel die menschenverachtende Zeit des Nationalsozialismus nach. Standing Ovations im vollen Haus waren am Samstag der Lohn für die großartige Leistung von Schauspielern, Musikern, Tänzern und Team.

Als Gäste im Kit Kat Club werden die Zuschauer begrüßt von einem Conférencier (Bastian Dulisch), der wirkt, als wäre er der „Rocky Horror Picture Show“ entsprungen. Dass noch andere auf der Bühne sind, nehmen viele wohl erst wahr, als diese aus ihrer Starre erwachen. Sogleich lernen die Zuschauer die Tänzer Germán Farías, Wendel Lima, Pawel Malicki und Michael Tucker kennen, hier als Girls im Club, die das Geschehen sinnlich oder auch akrobatisch in vielen Rollen begleiten (Choreografie Valenti Rocamora i Torà).

Eine witzige Idee gibt gleich den Ton an: Aus zwei Rahmen, Bühnennebel als Dampf und verbalem „Tuff-Tuff“ wird ein Zug nach Berlin. Der Amerikaner Clifford Bradshaw (Paul Trempnau) sucht dort Inspiration für sein Buch, der Deutsche Ernst Ludwig (Moritz Schulze) verschafft ihm eine Bleibe und sich damit einen Helfer beim Aufbau des Nazi-Regimes. Das Willkommen des Conférenciers wirkt bedrohlicher als zu Anfang.

Bradshaw kommt bei Hauswirtin Fräulein Schneider (Gaby Dey) unter, trifft dort deren Galan Herrn Schultz (Ronny Thalmeyer) und das Freudenmädchen Fräulein Kost (Jenny Weichert) mit den Tänzern als Männer in ihrem Gefolge.

Im Club verliebt er sich in die Sängerin Sally Bowles (Gaia Vogel), die kurz darauf bei ihm einzieht. Weil das Geld knapp ist, kann Ludwig ihn für Aufträge gewinnen. Als der Amerikaner erkennt, dass er so die Nazis unterstützt, lehnt er die weitere Mitarbeit ab und will mit der nun schwangeren Sally nach Amerika gehen. Doch sie treibt ab, arbeitet wieder im Club, wo ihr fortan wohl mehr Nazis zuhören.

Im Bühnenbild (Jósef Halórsson) hat der Regisseur starke Bilder gefunden. Ein mittiges Podest mit Treppen, Leitern und Schrägen wird zur Bühne im Club, stellt die Wände für Fräulein Schneiders Zimmer, schafft unendliche Auftritts- und Spielmöglichkeiten – darüber zwei kristallene Leuchter, die später zum Bild für die „Reichskristallnacht“ werden. Vier mobile Rahmen werden mal zur Lok, mal zu Show-Elementen, ein ebenso fahrbares Rondell ist mal Schaukasten für die siamesischen Zwillinge (Nathalie Thiede, Katharina Trabert), mal Versteck für Verbrechen.

Die Tänzer sind nicht nur Club-Darsteller, sie verwandeln sich auch in KZ-Häftlinge, die bis zum Zusammenbruch malochen. Plakativ unterstützen die Kostüme (Laura Yoro). So reicht für Ludwig ein schwarzer Mantel, um zu zeigen, dass er bei den Nationalsozialisten einer der Macher ist.

Großartig auch der Gesang der Akteure. Mit swingenden Klängen sehr abwechslungsreich begleitet die von Michael Frei geleitete Band. Nach knapp drei Stunden mit Pause: Der Premierenapplaus mit Bravos und Trampeln wollte fast kein Ende nehmen.

Von Ute Lawrenz

Wieder am 17.10., 22.10. und 28.10. dt-goettingen.de

Auch interessant

Kommentare