Produktdesign: Ideen für Flüchtlinge

Platz für acht Personen auf 15 Quadratmetern: Josefine Döring (links) erklärt ihre Wasserstation, auf den Betten sitzen (oben) Lukas Dally und Gila Kolb, unten Juliane Gallo und Ursel Schlicht. Zu erkennen sind der Schallschutz über den Wänden und die zeltähnlichen Stoffbahnen.

Die Klasse für Gestaltung der Kasseler Kunsthochschule präsentiert in einer Ausstellung Entwürfe, die den Alltag in Flüchtlingsunterkünften stressfreier und angenehmer gestalten können.

Kassel. Wer schlecht schläft, ist auch am Tag unausgeglichen und reizbar. Wenn in Erstaufnahme-Einrichtungen für Flüchtlinge auf einer 15 Quadratmeter großen „Fläche mit Sichtschutz“ acht Personen übernachten, sind unruhige Nächte die Regel. Enge, das Fehlen von Privatsphäre und Beschäftigung sorgen für weitere Stressfaktoren.

Diese Erfahrungen in der Asylbewerber-Unterkunft in der Landesfeuerwehrschule haben die Klasse für Gestaltung im Studiengang Produktdesign der Kunsthochschule veranlasst, sich im zu Ende gehenden Semester mit der Situation der Flüchtlinge zu beschäftigen und Verbesserungsvorschläge zu entwickeln.

Die Studierenden sind Teil eines Netzwerks ehrenamtlicher Helfer, zu denen etwa Juliane Gallo (Fridericianum), die Kunstpädagogin Gila Kolb und die Pianistin Ursel Schlicht gehören. Gestern Abend eröffnete im Interim im Kulturbahnhof eine Ausstellung mit den Entwürfen. Ziel der von Prof. Oliver Vogt und seinem Mitarbeiter Peter Schäfer betreuten studentischen Projekte waren kostengünstige, schnell und einfach zu realisierende Hilfsmittel für das Zusammenleben.

In einer „Raumsimulation“ im Ausstellungsraum mit acht Stockbetten hat eine Gruppe übernachtet, um die Bedürfnisse der Flüchtlinge nachzuempfinden. Ganz praktischen Fragen müssen die sich stellen: Wo, zum Beispiel, lässt man nachts das Handy, Wertsachen oder wichtige Papiere?

Isabel Valerie Hemberger, Lukas Dally und Beat Sandkühler entwickelten die „Minimal Privacy Box“, eine verschließbare Kiste, die als Sitzmöbel benutzt, unters Bett geschoben oder an flexiblen Aufhängeleisten befestigt werden kann. Fast 500 Boxen sollen in den nächsten Wochen unter Mithilfe der Flüchtlinge - darunter sind einige Schreiner - vor Ort hergestellt werden. Materialkosten pro Kiste ohne Schloss: 4 Euro.

Das Trio hat zudem eine freihängende Stoffbahn entworfen, die sich wie eine Zeltbahn über die Betten legen lässt und eine Rückzugsmöglichkeit bietet. Eine Tasche aus robustem Polsterstoff, die gleichzeitig als Sichtschutz dient, hat Nathalie Indra genäht. Dem Schallschutz dient eine simpel zusammenzusteckende hölzerne Haltekonstruktion mit Dämmmaterial von Arne Dohrmann. Josefine Döring schlägt eine „Wasserstation“ vor, um lange Wege durch die Kälte zu den Sanitäranlagen nur zum Händewaschen oder Zähneputzen zu vermeiden.

Ruth Firsching bot einen Kinder-Workshop Weben aus Altkleiderresten in der Unterkunft an, Katrin Becker hat aus Papier und Sperrholz ein faltbares Spielhaus entworfen, Jan Emde aus Schuhkartons, Dachlatten und Nylonschnüren Gitarren nachgebaut: „Die Workshops funktionieren sehr gut“, sagt Prof. Vogt. Ein Team um Nadja Nolte entwickelte ein piktogrammbasiertes Leitsystem für die Einrichtungen, Carlos Platz und Janosch Feiertag schufen eine vereinfachte Kassel-Karte mit speziellen Tipps, die bei der ersten Orientierung beim Erkunden der Stadt helfen soll.

Service

Die Ausstellung ist bis Dienstag, 16.2., täglich von 14 bis 18 Uhr, im Interim, Kulturbahnhof, Franz-Ulrich-Straße 16, zu sehen. Workshop-Termine:

Freitag, 14 Uhr: Amuza e.V.: Siebdruck/Buttons und Taschenverkauf

Sonntag, 15 - 16.30 Uhr: Ursel Schlicht, Juliane Gallo und Team: Musikworkshop

Dienstag, 14-18 Uhr: Isabelle Hemberger, Lukas Dally, Beat Sandkühler: Privacy Boxes. Kistenbauworkshop.

Von Mark-Christian von Busse

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