Der Künstler Cyprien Gaillard errichtete in Berlin eine Skulptur, die der Gebrauch zerstört hat

Ein Prosit dem Kolonialismus

Da muss man erstmal auf den Pergamonaltar kommen: 12 mal 8 mal 4,25 Meter misst Cyprien Gaillards Pyramide aus Kartons mit 72 000 Bierflaschen, die er „The Recovery of Discovery“ genannt hat. Fotos:  Uwe und Josephine Walter/nh

Vordergründig hat der französische Künstler Cyprien Gaillard für die Kunst-Werke Berlin, das KW Institute for Contemporary Art, eine begehbare, raumfüllende Skulptur errichtet, die lustig ist und zum Partymachen einlädt.

Gaillard, einer von vier für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011 nominierten Künstlern (neben Andro Wekua, der zurzeit in der Kunsthalle Fridericianum in Kassel ausstellt), hat 72 000 Flaschen der Bier-Marke „Efes“ aus der Türkei nach Berlin bringen lassen und die Kartons mit dem Bier zu einer Pyramide gestapelt. Ausstellungsbesucher dürfen sich bedienen und haben das schon bei der Vernissage reichlich getan. „Wenngleich der Herstellungsort alkoholischer Getränke stets eine zentrale Rolle einnimmt“, heißt es trocken im Pressetext, „scheint die Herkunft bei zunehmendem Konsum immer belangloser zu werden.“

Darum geht es Gaillard auch auf einer tieferen Bedeutungsebene: Um Verfall und Zerstörung, Erhalt, Abriss und Rekonstruktion von Monumenten, Ruinen, ja Architektur überhaupt - und welche Bedeutungsverschiebungen damit einhergehen.

Das war das Thema des 1980 in Paris geborenen, in Berlin lebenden Künstlers schon bei seiner Kasseler Schau 2009, als er die Skulptur einer Ente aus einem Pariser Vorort ins Fridericianum stellte, auf einem 24 Meter langen Tisch 900 Polaroids von verfallenden Bauten anordnete und in einer Videoarbeit die Sprengung einer einstigen Modellsiedlung in Glasgow zeigte.

Bei der durch den Gebrauch zerstörten Bier-Pyramide denkt Gaillard an die „brachiale Umdeutung“ (so der Pressetext), die archäologische Stätten im Lauf der Jahrhunderte erfahren haben: indem wertvolle Funde verschleppt und verstreut wurden und ideologische Systeme die Funde beanspruchten und sich aneigneten, ob Monarchien, Faschisten, Kommunisten oder Nationalisten.

Bei der Pyramidenform denkt Gaillard an den Sockel des Pergamonaltars - heute auf der Museumsinsel in Berlin -, von dem am Ursprungsort nur noch wenige Stufen verblieben sind. „Nun zur Hauptsache! Wie kommt alles nach Berlin?“, dieses Zitat des Ingenieurs Carl Humann, der 1878 mit den Ausgrabungen begann, steht wie ein Motto über der Ausstellung.

Die „Efes“-Flaschen, griechisch: Ephesos, stammen ebenfalls aus einem Ort mit berühmten archäologischen Stätten. Funde aus den Tempelanlagen dort sind heute auch in London und Wien zu sehen. Das quasi besinnungslose Abtragen der mit Bierflaschen gefüllten Kartons, die als architektonische Elemente dienen, soll an den Kolonialismus erinnern, der heute zu einer touristischen Erscheinung geworden ist. Archivfoto: Malmus

Bis 22. Mai, KW Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69, Berlin. www.kw-berlin.de

Von Mark-Christian von Busse

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