Protest auf der Bühne: „Die Brüder Grimm“ am Jungen Theater

Freie Bildung für alle: Jan Reinartz (von links), Yannick Gerry Eller (Student der Georgia-Augusta-Universität Göttingen), Franziska Beate Reincke und León Schröder. Foto: Eulig

Göttingen. Märchensammler, Sprachwissenschaftler, Protestler und vor allem Brüder: Jacob und Wilhelm Grimm zählen zu den interessantesten Persönlichkeiten der deutschen Romantik.

Anlässlich des 275-jährigen Bestehens der Georg-August-Universität inszeniert Hausherr Andreas Döring am Jungen Theater mit dem Projekt „Die Brüder Grimm - Vom Märchenschreiber zum Widerstandskämpfer“ authentisch und unkonventionell einen wichtigen Lebensabschnitt der ehemaligen Göttinger Professoren und nimmt dabei Bezug auf die heutige Protestkultur. Die Geschichte der Grimms ist feinfühlig erzählt, besonders die Bruderliebe zwischen Jacob (Dirk Böther) und Wilhelm (Gintas Jocius) wird behutsam aufgearbeitet.

Dabei besticht das Stück mit einem charmant geradlinigem Humor, der vor allem in Felicity Grist als energische Bettine von Arnim seine Vollendung findet. Mit ihrer Darstellung eines leidenschaftlichen Freigeistes gibt sie ein erfrischendes Bild neben den braven Grimms ab, deren emotionale Hingabe meist auf den Bereich der Wissenschaft beschränkt bleibt.

Interessant umgesetzt ist die Verbindung zwischen damaligem universitären Aufbegehren und heutigen studentischen Protestbewegungen: Verkündet gerade noch im Jahre 1837 ein herrlich arroganter Leòn Schröder als König Ernst August die Aufhebung der Verfassung, verdeckt im nächsten Moment ein Vorhang das Geschehen, Studierende der Universität Göttingen betreten die Bühne, fordern freie Bildung und verteilen Protestationen im Publikum.

Immer wieder kehrt das Stück dabei zum Kernelement der Grimmschen Lehre zurück: der Sprache. Mal wortgewaltig und wütend, mal unsicher und ängstlich schreien, diskutieren, klagen und singen die Figuren auf der Bühne der Ohnmacht entgegen, ihre Sprache verbindet sie, gibt ihnen Halt und ermutigt sie damals wie heute zum gemeinsamen Auflehnen gegen Bevormundung und Rücksichtslosigkeit seitens der Regierung.

Die Stadt Göttingen, die „schon immer unruhig war“, wird zum zentralen Austragungsort einer kritischen Auseinandersetzung über Bildungsideale und Gewissensfragen.

Das Stück verarbeitet ein hohes Pensum an Perspektiven und Seitenverweisen, den Darstellern wird dabei jedoch wenig Raum für eine Entwicklung ihrer Figuren gelassen. Teils einer oft nur kurz angerissenen Handlung geschuldet, bleiben einige Charaktere blass und beliebig, dem Erzählfluss mangelt es mitunter an Stringenz. Dennoch präsentiert sich „Die Brüder Grimm“ als unterhaltsames Stück, das vor allem durch komische Einlagen der Schauspieler und Authentizität überzeugt.

Am Ende freundlicher Premierenapplaus.

Junges Theater, Hospitalstraße 6, Göttingen. Nächste Termine: 31. Mai, 2. Juni, Kartentelefon: 0551/495015.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.