Literaturherbst: Jakob Augstein liest, Demonstranten nennen ihn einen Antisemiten

Protest aus dem Oberrang

Protest: Politaktivisten werfen Jakob Augstein (links) und dem Veranstalter Antisemitismus vor, Klaus Wettig (Mitte) vom Literaturherbst beschwichtigt, Moderator Stephan Lohr hört zu. Foto: Kopietz

Göttingen. Nicht immer hält der Buchinhalt einem starken Titel stand, auch Autoren-Lesungen unterliegen diesem Mechanismus. Jakob Augstein hatte mit dem Buchtitel „Sabotage – Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen“ stark vorgelegt. Als Gast des Göttinger Literaturherbstes am Sonntag gelingt es dem Verleger der Wochenzeitschrift „Freitag“ aber nur zeitweise, die hohen Erwartungen zu erfüllen.

In dem Lesung-Interview mit dem leider zu wenig pointiert agierenden Stephan Lohr von NDR-Kultur geht es weniger um die – höchst spannende – zentrale Frage Demokratie oder Kapitalismus, als viel mehr um die, wie Augstein sagt, „Reformunwilligkeit der westlichen Gesellschaften“ und den Verlust des Protestwillens sowie einer vom Autor vermissten gemäßigten Gewaltbereitschaft der Bürger.

Überhartem Körpereinsatz im Fußball folgt häufig die gerechte Rote Karte. Auch in der politischen Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizisten wird Gewalt bestraft. Rudolf Augstein gefällt das aber nicht. Er wünscht sich durchaus mehr Körpereinsatz von Protestierenden.

Denn, dass immer weniger Menschen mit Körpereinsatz gegen Ungerechtigkeiten aufbegehrten, das sei für ihn kaum zu glauben, weil im Land die soziale Marktwirtschaft konsequent abgebaut worden ist. Die Bürger hätten sich längst den Zahn durch eine Lobbyismus-Politik ziehen lassen.

Kaum Wille zum Aufbegehren, zu Veränderungen – für Jakob Augstein, den angenommenen Sohn von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, sind das schlimme Zeichen. „Der Impuls muss von den Bürgern kommen.“ Augstein fragt aber, wann und ob das je wieder der Fall sein könnte. „Occupy hatte nach der Bankenkrise mehr Zustimmung als früher die Friedensbewegung, passiert ist aber nichts. Der starke Impuls verebbte.“

Plötzlich flammt im Saal Protest auf: Flugblätter segeln vom Oberrang hinab. Ein junger Mann mit Megafon überstimmt Augstein, eine Handvoll junger Menschen protestiert gegen den Autor, sie werfen ihm offenen Antisemitismus vor. Augstein bleibt gelassen. Am Ende der zehnminütigen Unterbrechung sagt er: „Das war so etwas wie Sabotage, darüber muss man ja fast froh sein, heutzutage.“ Beifall.

Den gibt es nicht, als Augstein beschönigend den Widerstand von Demonstranten mittels Betonplatten auf Schnellstreckenschienen in Frankreich als Protest bezeichnet. „Die Franzosen nennen es Sabotage, hier würde man es gleich Anschlag nennen.“ Über mögliche Folgen spricht Augstein nicht. Regelverstöße sind für ihn erlaubt, um etwas verändern zu können. Anders als im Fußball.

Zur spannenden Personaldebatte beim „Spiegel“ befragt, antwortete Augstein ganz in Politikermanier: „Dazu sage ich nichts.“

Jakob Augstein: „Sabotage, warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen“, Carl Hanser Verlag, Buch 18,90 Euro, E-Book 14,99 Euro.

Von Thomas Kopietz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.