Rock-Ikone Patti Smith schreibt über ihr Leben mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe

Provinzgirl in New York

Zerbrechliche Ausstrahlung: Patti Smith, fotografiert von ihrer Schwester Linda. Fotos: Patti Smith Archiv / nh

Als die Mutter der kleinen Patricia erlaubte, ihre Gebete nicht mehr in den vorgestanzten Floskeln zu sprechen, fand ein junges Mädchen begeistert seinen ersten individuellen Ausdruck: „Ich trat ein ins strahlende Reich der Vorstellungskraft.“ Die Sprache ließ sie fortan nicht mehr los. Patti Smith schuf eine einzigartige Verbindung aus Lyrik und Rockmusik. Über ihren Weg vom Provinzgirl zur Avantgarde-Künstlerin hat sie nun ein sehr persönliches, bewegendes Buch geschrieben: „Just Kids“. Darin verarbeitet sie ihre lebenslange Liebes- und Arbeitsbeziehung mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe. Sein frühester kreativer Versuch war das Perlenkettenbasteln für die Mutter.

Wie Patti und Robert sich 1967 kennenlernten, in ihren ersten New Yorker Jahren um ihre materielle Existenz ebenso rangen wie um ihren künstlerischen Ausdruck, formt Patti Smith zu etwas Größerem, einem Porträt der New Yorker Künstlerszene um 1970. Mit 20 kam das 1946 geborene spindeldürre Mädchen in die Großstadt - ihre Habseligkeiten in einem gelb-rot karierten Pappköfferchen. Sie schöpfte aus der Musik Bob Dylans, dem Stil Jim Morrisons, den Texten von William S. Borroughs, der Aura Andy Warhols, dem Sardellenbrötchen aus der marokkanischen Bäckerei, ihren Funden in Trödelläden. Sie fotografierte, zeichnete, dichtete, legte Tarotkarten, jobbte in Buchhandlungen.

Am zweiten Jahrestag ihrer Beziehung wuschen die jungen Kreativen ihre schicksten Klamotten im Handwaschbecken und fuhren in den heruntergekommenen Amüsierpark in Coney Island. Zur Feier des Tages warfen sie ihre wenigen Pence zusammen und gönnten sich nicht wie sonst nur einen, sondern jeder einen Hot Dog zur Cola.

Patti Smith erzählt mit großer Zärtlichkeit von diesem scheuen, genau beobachtenden Mädchen und wie es als Schauspielerin ausgelacht wurde, weil es im drogenseligen Hippie-Umfeld nicht wusste, wie man sich eine Spritze setzt.

Dass sie mit Robert später im legendären Chelsea Hotel lebte, dort Prominente wie Salvador Dalí und Janis Joplin traf, macht Smith nie zum prätentiösen Namedropping, der Autorin bleibt die unschuldige Neugier der jungen Künstlerin bewusst. Hingebungsvoll und sprachlich auf den Punkt beschreibt sie die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit Mapplethorpe, dessen schwules Coming-out ihre tiefe Verbundenheit nie mindern konnte: „Wir werden wir selbst.“ Wo Patti verträumt und vorsichtig arbeitete, stürzte er sich ins wüste Leben der Stricher-Szene, suchte einen fotografischen Ausdruck für Homosexualität.

Bald wurden Mapplethorpe über Mäzene die Türen in die etablierte Galerienszene geöffnet, Smith sammelte Musiker um sich, verdichtete ihre Lyrik zu Songs und kassierte von Anfang an Begeisterung - schon, als bei ihrem ersten Auftritt ihr Gitarrist einen akustischen Autounfall spielen sollte. Auf ihrer ersten Single war die B-Seite mit ihrem Text „Piss Factory“ ein Erfolg. Darin schreibt sie von einem Mädchen, dass die Schnauze voll davon hat, in der Provinz am Fließband zu malochen.

Robert Mapplethorpe starb 1989 mit 42 Jahren an Aids. Sie hat ihm versprochen, ihre Geschichte aufzuzeichnen.

Patti Smith: Just Kids, Kiepenheuer & Witsch, 332 S., 19.95 Euro. Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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