Provinzler lockt die Großstadt

Volker Schmalöer inszeniert am Staatstheater die Komödie „Das Sparschwein“ mit schrägen Typen

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Zwischenspiel im Gefängnis: Aljoscha Langel (Kellner, von links), Franz Josef Strohmeier (Colladan), Birte Leest (Blanche), Enrique Keil (Champbourcy), Anke Stedingk (Léonida), Matthias Fuchs und Frank Richartz (Polizisten).

Kassel. Eine Feuerwehrspritze hat er dem Örtchen gespendet. Das macht Champbourcy zum bedeutenden Mann in La Ferté-sous-Jouarre. Die Wichtigmänner des Kaffs klopfen im Haus des Privatiers seit Jahren Karten:

Apotheker, Notar, Steuereinnehmer, Landwirt. Als entschieden wird, was mit dem dabei erspielten Geld passiert, wirft Champbourcy seine ganze Autorität in die Waagschale - und die Honoratioren fahren nach Paris.

Eugène Labiches Komödie „Das Sparschwein“ von 1864 begleitet die Provinzler in die Stadt und beobachtet, wie sie im Gourmettempel abgezockt werden, im Gefängnis und beim Heiratsvermittler landen und schließlich pleite sind.

Volker Schmalöer inszeniert die Boulevardkomödie am Kasseler Staatstheater mit Lust an der schrägen Überzeichnung und viel Gespür für den Mechanismus von überzogenem Anspruchsdenken, den man beim Zuschauen auch auf kleinstädtische Pauschaltouristen übertragen kann, die heutzutage in der Domrep den dicken Max markieren. Trotzdem sind die ersten Akte des fast dreistündigen Abends partienweise zu langatmig. Freundlichen Premierenapplaus gab es dafür am Samstag im nicht ganz ausverkauften Schauspielhaus.

Neben dem furios aufspielenden Ensemble sind die Bühne von Etienne Pluss und die Kostüme von Ulrike Obermüller die Höhepunkte. Pluss baut zunächst einen puppenstubig-engen Salon an die Bühnenrampe: niedrige Decke, nach hinten schmaler werdende Wände. Darin wirken die Kartenspieler mit ihren monströsen Bäuchen, wuchernden Backenbärten und raumgreifenden Reifröcken wie eine Nummer zu groß - ihre Ansprüche sind maßlos. Obwohl sie wohlhabend sind, stürzen sie sich auf das Extrageld wie auf einen Heilsbringer.

Enrique Keil zeigt als Champbourcy wunderbar, wie eine blasierte Sprechweise und ein wichtigtuerisches Vereinsmeier-Zeremoniell ums Geldauszählen die Lufthoheit sichern. Franz Josef Strohmeier lässt seinen Landwirt Colladan um Anschluss an die Kleinstadtelite kämpfen. Uwe Steinbruchs Apotheker Cordenbois ist ein ballonbäuchiges Schlemmermaul mit verzweifelter Liebessehnsucht.

Birte Leest lässt in Champbourcys trotziger Tochter Blanche den Kaufrausch erwachen, Thomas Meczeles Notar Renaudier ist als ihr Heiratsinteressent durch seine riesige Tolle zwar als Streber gezeichnet, entpuppt sich aber als treuherziger Schluffi. Peter Elter als Landwirtssohn Sylvain platzt fast vor sexuellem Ehrgeiz, Frauen abzuschleppen.

Im plüschigen Salon des Heiratsvermittlers Cocarel (Jürgen Wink) steigern sich die Turbulenzen zum schrillen Höhepunkt. Er wirkt mit grauer Langhaarperücke wie eine Mischung aus kratzfüßelndem Comic-Lakaien und gealterter Hildegard Knef. Wie Cocarel den moschusbesprühten Apotheker unverhofft Champbourcys Schwester Léonida (Anke Stedingk zwischen alter Jungfer und erotischer Granate) als Heiratskandidatin begegnen lässt, ist von großartiger Tragikomik.

In weiteren Rollen: Frank Richartz als Polizist und arroganter Diener, Aljoscha Langel als schnöseliger Kellner, Matthias Fuchs als Polizist und zusammen mit Eva-Maria Keller als Straßenhändler.

Wieder am 3., 4.12., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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