Mit Sibylle Bergs zynischem „Hauptsache Arbeit“ weiht das Deutsche Theater seine neue Spielstätte ein

Psychospielchen für den Job

Popcornmengen für die namenlosen Angestellten: Johanna Gsell, Philip Hagmann und Anja Schreiber (von links). Foto:  Winarsch

Göttingen. Durch den Seiteneingang, am Schaltpult der Bühnentechnik vorbei und über abgeklebte Kabel ging es für die Zuschauer auf die Bretter, die die Welt bedeuten: „Hauptsache Arbeit!“ von Sibylle Berg feierte am Sonntag im Deutschen Theater in Göttingen auf der kleinen Seitenbühne Premiere und weihte so fulminant die neue Spielstätte „Hinter dem Eisernen“ ein. Hier, hinter dem eisernen Feuerschutzvorhang, wo sonst Kulissen gelagert werden, sitzen in Katja Fillmanns Inszenierung Schauspieler und die zu Statisten gewordenen Zuschauer buchstäblich in einem Boot (Ausstattung: Ramallah Aubrecht).

Was als lauschige Betriebsfeier an Bord der „MS Work“ geplant war, entpuppt sich schnell als Dampferfahrt ins Grauen. Zwecks Bilanzoptimierung zwingen der schmierige Chef (intensiv: Lutz Gebhardt) und der joviale Moderator (wunderbar exzentrisch: Karl Miller) die Angestellten einer Versicherungsgesellschaft dazu, in launigen Psycho-Spielchen um ihre Jobs zu kämpfen.

In „Hauptsache Arbeit“ zeichnet Sibylle Berg, von der Kulturszene als „Fachfrau fürs Zynische“ (3sat) gefeiert, ein erbarmungsloses Bild vom angepassten, völlig auf die Arbeit ausgerichteten Angestellten. „Ich arbeite gern!“, stellen ihre Protagonisten fest. Doch warum eigentlich? „Manchmal gehe ich vollkommen auf in dem, was ich tue“, bekräftigt der schüchterne Versicherungsvertreter (Philip Hagmann), „wenngleich ich nicht genau weiß, was es ist.“ Trotzdem tun die willenlosen Angestellten alles, um ihren Job zu retten: Sie schlafen mit dem Chef, lassen sich auf der Bühne erniedrigen, quälen sich gegenseitig mit Stromstößen. Doch wofür eigentlich? Gibt es ein „Menschenrecht angestellt zu sein“? Macht nur Arbeit glücklich?

Katja Fillmann bleibt in ihrer Inszenierung dem zynischen Ton der Vorlage treu, setzt aber deutlich eigene Akzente, die das Stück vor dem Zerfasern bewahren. Da Sibylle Berg keine feste Anzahl von Angestellten vorgibt, schält Fillmann aus der monologisierenden Textvorlage vier stereotype Charaktere heraus. Sie werden von den Schauspielern Johanna Gsell, Anja Schreiber, Dominik Bliefert und Philip Hagmann authentisch verkörpert und sorgen in ihrer Absurdität für viele Lacher. Dennoch fehlt es nicht an Komplexität: Der vermeintlich hartherzige Chef ist innerlich von ähnlichen Ängsten zerfressen wie die Angestellten, über die er sich erhebt. Heimlicher Star des Abends ist jedoch der Moderator, der als strippenziehende Ratte schrill, anzüglich und abstrafend den Angestellten ihr mickriges Leben vor Augen führt. Ein unterhaltsamer, aber bitterböser Blick auf die Arbeitswelt.

Wieder am 2., 15. und 29. Oktober, Karten: Tel. 0551 - 49 69 11. www.dt-goettingen.de

Von Friederike Szamborski

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