Am Jungen Theater Göttingen gab es viel Applaus für „Bilder deiner großen Liebe“ nach Wolfgang Herrndorf

Das Publikum sitzt im Irrenhaus

Ein Mädchen auf der Suche: Eva Schröer ist Isa, Jan Reinartz verkörpert alle Männerrollen am JT in „Bilder deiner großen Liebe“. Foto: Heise

Göttingen. Was ist verrückt, was ist nicht verrückt? Und was heißt es wirklich, dass jemand verrückt ist? Ist es nur ein Abweichen von der Linie? Isa sagt, als Verrückter schreit man und kackt auf den Gehweg. Sie hat Angst, langsam wieder ins Verrückte abzurutschen und flieht aus der psychiatrischen Anstalt. Auf dem Weg, auf einer Suche nach ihrer großen Liebe, begegnen ihr verschiedene Männer.

Wolfgang Herrndorfs Romanfragment „Bilder deiner großen Liebe“ in der Bühnenfassung von Robert Koall hatte am Samstag am Jungen Theater in Göttingen Premiere. Vanessa Wilcke, leitende Regieassistentin, sind in ihrem Regiedebüt bewegende Momente gelungen.

Mitten in die noch nicht abgeklungenen Zuschauergespräche knallt Eva Schröer alias Isa. Verrückt sein heiße, „dass man verrückt ist und nicht bescheuert“, stellt sie aus den Zuschauerreihen in den Raum. Die Theaterbesucher werden durch diese Raumanordnung zu Statisten für die Anstalt. Ein kluger Schachzug der Regisseurin. Zählen die Zuschauer nun auch zu den Verrückten, müssen sich Isas Zeugen in dem gut gefüllten Theater fragen. Mit ihrer Willenskraft bricht Isa aus. Das Publikum bleibt hinter dem Eisentor gefangen und kann nur zusehen beim „wirklichen Leben“.

In ihren Erinnerungen steckt die Erklärung, warum Isa so ist, wie sie ist. Unauslöschlich eingeprägt hat sich bei ihr eine frühe Zeltübernachtung mit ihrem Vater. Aus einer Umarmung wird mehr, Isa wehrt sich. „Die dunkle und andere Welt“ schlägt in ihr Wurzeln. Isa entwirft sich eine Gegenwelt – Bilder ihrer großen Liebe – die klischeehafter nicht erfunden werden könnte.

Es ist ein Kraftakt für Eva Schröer, diesen Fast-Monolog von Herrndorf zu stemmen, die extremen Gefühlsumbrüche des Mädchens zu leben. Schröer lässt sich mit vollem Herzen darauf ein. Nur ganz selten wirkt ihre Isa gewollt. Genauso mühelos gelingt es Jan Reinartz, in sämtliche Männerrollen zu schlüpfen: Junge, Totengräber, Kapitän. Der ist eine tragende Figur. Isa springt wagemutig auf sein Boot, es entsteht eine kurze Zwangsgemeinschaft.

Viel Raum für eigene Fantasien lässt Axel Theune den Zuschauern mit einer Art Werkstattbühne. Mit unterschiedlichen Holzpodesten hat er eine abstrakte Landschaft erfunden, die den Schauspielern unzählige Möglichkeiten bietet. Beim begeisterten Schlussapplaus gab es Bravo-Rufe.

Fast schon im Widerspruch zu der Energie, die Schröer und Reinartz auf die Bühne bringen, spricht Todessehnsucht aus Herrndorfs Zeilen. Kein Wunder: Der Autor hat den Roman „Bilder deiner großen Liebe“ geschrieben, kurz bevor er seinem Leben ein Ende setzte. Er litt unter einem Hirntumor. Sein Roman konnte nur noch als Fragment gedruckt werden.

Wieder am 3., 13., 21.11., Karten: Tel. 0551/495015, www.junges-theater.de

Von Ute Lawrenz

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