Die Punks von Karstadt: Der Erfolg der Broilers

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So sehen Punks von heute aus: Broilers-Sänger Sammy Amara (rechts) mit seinen Kollegen (von links) Chris Kubczak, Andi Brügge, Ron Hübner und Ines Smentkowski.

Die Geschichte, die erzählt, wie Sammy Amara zum Punk wurde, beginnt 1991 im Karstadt im Düsseldorfer Stadtteil Hellerhof. Amara war zwölf und stöberte in der CD-Abteilung, als ihm eine Verkäuferin „Learning English Lesson One“, das neue Album der Toten Hosen, empfahl.

Darauf coverte die Düsseldorfer Punkband Genre-Klassiker wie „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones. Amara kaufte sich die CD, hörte die Songs beim Skaten und fühlte sich unschlagbar.

1994 gründete er mit Kumpels die Band Broilers, deren Platten 17 Jahre später von der Toten-Hosen-Firma JKP vertrieben werden. Schon das ist eine hübsche Pointe. Noch besser ist nur die Geschichte, wie die Broilers vor wenigen Wochen auf Platz drei der deutschen Album-Charts einstiegen. „Santa Muerte“ landete direkt hinter Lady Gaga und dem „DSDS“-Sternchen Pietro Lombardi. „Das ist absurd“, sagt uns der 32-jährige Amara im Interview.

Das Quintett hat nun den Erfolg, den es sich nie erträumt hätte. Jahrelang musste sich Schlagzeuger Andi Brügge von seinen Eltern anhören, dass er doch nicht so viel Zeit in die Musik investieren solle. Zuletzt nahm Brügge seine Eltern zum Konzert nach Oberhausen mit, wo die Musiker von 3500 Fans gefeiert wurden - da waren auch die Eltern stolz, die nun sogar damit einverstanden sind, dass ihr Sohn seinen Job für die Band aufgeben will.

Stilistisch ist „Santa Muerte“ viel mehr als nur Punkrock. Der Ton hinter den eingängigen Melodien ist immer noch rau, aber es gibt auch Ska-Bläsersätze, Soul und Rockabilly.

Der Aufstieg der Broilers erzählt viel über Jugendkulturen. Als die Broilers mit 15 merkten, dass man als süßer Punk doch nicht schocken kann, rasierten sie sich die Schädel und entdeckten die Oi-Musik der antirassistischen Skinheads für sich.

Immer wieder müssen sie seitdem mit dem Vorurteil aufräumen, Skins seien Neonazis, was so repräsentativ ist wie die These, dass die gesamte SPD aus Thilo Sarrazin besteht.

Amara, dessen Vater aus dem Irak stammt, sieht sich immer noch als Punk, ist aber viel offener als damals. Zuletzt hat er die alten Platten von Bruce Springsteen wiederentdeckt, den er früher nicht gut finden durfte, weil man so etwas als Rebell eben nicht macht.

Manche junge Punks ärgern sich wiederum über den kommerziellen Erfolg der Alt-Punks. Amara hat dafür Verständnis: „Wenn 15-Jährige keine Scheiben kaputt hauen, stimmt was nicht, wenn sie das mit 30 immer noch machen, ist aber erst recht was falsch.“

Broilers: Santa Muerte (People Like You Records /EMI). Wertung: drei von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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