Pur kommen nach Kassel 

Darum denkt Pur-Sänger Hartmut Engler bei jedem Auftritt an seine tote Mutter

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Pur-Frontmann: Hartmut Engler.

Bevor die Band Pur die nächsten Konzerte gibt – am 6. September in Kassel – muss sich Sänger Hartmut Engler von einer Operation erholen. Wie es ihm geht und warum für ihn jeder Auftritt eine Zugabe ist.

In den 90er-Jahren feierte Hartmut Engler mit seiner Band Pur („Abenteuerland“, „Lena“, „Hör gut zu“) große Erfolge. Und auch die aktuelle „Zwischen den Welten“-Tour ist in vielen Städten ausverkauft. Engler muss sich von einer Operation erholen, danach stehen die nächsten Konzerte an. Wir haben mit dem Frontmann gesprochen.  

Sie hatten kein Gefühl mehr im linken Fuß. Wie geht es Ihnen?

Es geht mir ganz gut. Der Nerv macht mir zwar noch etwas Sorgen, aber es geht. Auf der Bühne werde ich aber keine Einschränkungen haben. Ein Marathonlauf wäre noch schwierig, aber dafür war ich noch nie gebaut.

Sie geben seit Jahren Konzerte. Stimmt es, dass Sie noch von Auftrittsangst geplagt sind?

Früher bin ich vor Konzerten möglichst spät aufgestanden, so um 15 Uhr. Dann waren die ersten Gedanken: Dusche, Stimme hochpuschen und oh Gott, heute Abend schon wieder. Aber das ist heute nicht mehr ganz so. Ich habe vor einigen Jahren angefangen, buddhistische Literatur zu lesen und zu meditieren. Das bringt Ruhe und Kraft in mein Leben.

Und welche Rolle spielt dabei der Erfolgsdruck?

Ich war jahrelang davon geprägt zu denken, da kommen die kleinen Jungs aus Bietigheim, wie können die sich in dieser Haifischbranche behaupten? Jeder Auftritt musste der Tollste sein. Es macht es zusätzlich leichter, dass das nicht mehr so ist. Ich möchte Spaß haben, es geht mir gut im Leben. Die Band befindet sich sowieso auf dem Zugabenweg – jeder Auftritt ist unsere Zugabe.

Sind Zugaben nicht auch die schönsten Momente?

Ja, weil alles entspannter ist. Wir wissen ja auch, wie schnell es anders kommen kann. Unser Freund Ingo ist seit drei Jahren krank und kann nicht mehr mit auf Tour gehen. Auch deshalb sind wir alle in der Lage, die guten Momente, jeden Auftritt zu genießen – im Hier und Jetzt zu stehen.

Es hieß aber doch, Pur-Keyboarder Ingo Reidl könne bei der Tour möglicherweise dabei sein.

Ingo wird Erklärungen zu seiner Gesundheit selbst geben. Wir gehen derzeit davon aus, dass er nicht mitspielt.

„Bis der Wind sich dreht“ ist ein älterer, politischer Song, der noch aktuell ist. Auch „Zwischen den Welten“ ist politisch kritisch, mehr als gefälliger Pop.

Wir halten uns nicht raus! Neulich bei einem Auftritt im ZDF-Fernsehgarten habe ich gesungen ,Jesus Christus, Adolf Hitler - keiner spielt da den Vermittler’. In dem Moment wurde mir klar, was wir als Pur dürfen und was andere sich nicht mal ansatzweise trauen. Ich weiß nicht, was hängen bleibt, wir tun was.

In „Beinah“ geht es um fast verpasste Gelegenheiten. Was hilft, den richtigen Moment nicht zur verpassen?

Schicksal oder Zufall. Ich versuche es fatalistisch zu sehen: Man versäumt nichts, alles passiert wie es soll.

Sind Sie Instinktmensch?

Ich bin eine extrem gute Mischung zwischen verkopft und gefühlt. Ich lasse die Vernunft nicht außen vor.

Ihr Freund Xavier Naidoo sitzt in einer Castingjury – Sie auch bald?

Ich habe schon zwei Mal DSDS abgelehnt. Ich lehne alles ab, bei dem man Leute runter macht, die Musik machen.

Statt Pur dominiert Rap die Charts. Können Sie damit etwas anfangen?

Es ist mir zugänglich, weil meine Söhne im Thema sind. Ich habe keine Berührungsängste. Aber: Alles was man von sich gibt, setzt sich am Ende wie ein Mosaik zusammen. Ob es ein hässliches wird oder nicht, entscheidet die Lebensleistung. Das Pur-Mosaik besteht aus schönen bunten Steinen.

Sie sprechen oft bei Ihren Konzerten über ihre verstorbene Mutter. Warum ist Ihnen das wichtig?

Weil ich sie so ehren darf. Sie wurde 91 Jahre alt, hat sich über die Familie, unsere Konzerte, die Lieder gefreut. Sie ist mir nicht täglich präsent – und doch über die Lieder. Das ist eine schöne Erinnerung – wie ein Besuch am Grab.

Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, es wäre Ihr letzter Tag?

Das sage ich nicht öffentlich, aber off the records.

Hartmut Engler hat uns tatsächlich gesagt, was er an seinem letzten Tag machen würde – den Moment genießen. Welchen? Das verraten wir natürlich nicht.

Service: Am 6. September tritt Pur in Kassel auf. Karten: 0561/203204.

Zur Person 

Hartmut Engler (57, geboren in Großingersheim) ist Sänger und Texter von Pur. Er gründete 1978 mit Schulfreunden die Band Opus. Als eine österreichische Band gleichen Namens mit „Live Is Life“ die Charts stürmte, nannte sich die Band Pur. Vor allem in den 90ern landete sie mit Alben wie „Abenteuerland“ Hits. Er ist zum dritten Mal verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Bietigheim-Bissingen und auf Mallorca.

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