Puristisch und dicht: Patrick Schlösser inszeniert „Hexenjagd“ am Kasseler Schauspielhaus

Kassel. „Hexerei“, der Schrei des Predigers zerreißt die angespannte Stille im Kasseler Schauspielhaus wie ein Pistolenschuss. Mädchen mit Hauben und in langen Kleidern singen andächtig ihr „O Mighty God“, und eine junge Frau trägt auf ihren Armen eine leblose Gestalt heran, legt sie vorsichtig auf den Boden.

Dort liegt sie, fast noch ein Kind, im weißen Kleid. Später wird sie zucken und schreien, minutenlang, erschreckend ist das und schwer auszuhalten.

Als Arthur Miller sein erfolgreichstes Schauspiel „Hexenjagd“ schrieb, berief er sich auf eine authentische Begebenheit: Tatsächlich gab es 1692 im amerikanischen Salem in Massachusetts eine Massenhysterie. Junge Mädchen hatten nackt im Wald getanzt und dem Gericht aus Angst vor Strafe vorgegaukelt, sie seien verhext worden. Hunderte Menschen wurden gehenkt.

Miller schrieb die „Hexenjagd“ in jener Zeit, als die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära Amerika erschütterte. Auch Regisseur und Oberspielleiter Patrick Schlösser setzt hier an bei seiner puristischen Inszenierung des Stücks, dem man einen gewissen musealen Charakter nicht absprechen kann, verzichtet aber wohltuend auf eine Aktualisierung.

Im Schauspielhaus ist auf der Vorderbühne ein Stahlplateau aufgebaut, dahinter nimmt das Publikum Platz. In der Mitte des Zuschauerraums ist ein Bühnensteg Spielort. Dies alles ergibt, karg und requisitenlos eingerichtet (Bühne: Ben Baur), die Anmutung einer Arena oder eines Gerichtssaals, in dem später die Schuldfrage verhandelt wird.

Die Schauspieler auf dem Bühnenplateau wirken wie Statuen der Anklage oder Verteidigung, nur manchmal aufgebrochen von Erschütterungen und Schreien. Das Böse vollzieht sich in dieser Inszenierung in einem Wechsel aus Anspannung und Ausbruch, das schürt die Spannung.

Abigail liebt John Proctor und wird nach einer kurzen Affäre zurückgewiesen. Der geständige Ehebrecher wird durch die denunzierenden Mädchen, die über Tod und Leben entscheiden können, sterben müssen. Ganz dicht gelingt es Schlösser da, eine immer noch aktuelle Geschichte von Liebeswahn und Verletzung zu erzählen.

Proctor aber, brillant und minimalistisch gespielt von Peter Elter, wird darin zum zerrissenen Helden, einer, der den Wahn entlarven will und daran zugrunde geht. Anke Stedingk wirft im schmucklosen Kleid (Kostüme: Uta Meenen) ihre Abigail voller Kraft in die Arena. Als Anführerin einer Mädchenbande schreit sie ihre vermeintlichen Obsessionen mit wachsender Lust heraus - eine schwierige Aufgabe, eine Gratwanderung.

Aus der Reihe der überzeugenden Darsteller - insgesamt 21 mit Gästen einer Schauspielschule - ragt auch Alina Rank als Proctors Hausgehilfin Mary hervor. Wie sie Eiseskälte verströmt, ist bestürzend.

Sensibel und aufrecht zeichnet Eva Maria Sommersberg die Ängstigung, Gefährdung und Kränkung der Elisabeth Proctor. Franz Josef Strohmeier lässt seinen Pastor John Hale im stetig geschürten Fanatismus ganz leise zur Vernunft kommen. Viel Applaus für ein brillantes Ensemble.

Nächste Termine: 4., 11., 13. und 21. April, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, Karten unter 0561/1094-222.

Von Juliane Sattler

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