Im TV qualmt es: Wieso in Filmen wieder so oft geraucht wird

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Jeder weiß, dass Rauchen tötet. Und cool ist es schon lange nicht mehr. Trotzdem wird in Fernsehfilmen wie dem "Tatort" wieder häufiger gequalmt. Das stört nicht nur Gesundheitsexperten.

In der ZDF-Krimiserie „Schuld“ sieht Moritz Bleibtreu aus wie Helmut Schmidt - wenn man ihn denn mal erkennen kann durch all den Zigarettenqualm. Der Altkanzler ist Deutschlands prominentester Raucher, und in der Verfilmung des Bestsellers von Ferdinand von Schierach pafft Bleibtreu als Rechtsanwalt quasi 45 Minuten durch.

Damit ist er im TV nicht allein. Auch Mark Waschke zündete sich bei seiner Premiere als Berliner „Tatort“-Kommissar mehrere Zigaretten an. Und Andreas Pietschmann spielt in der ZDF-Krimiserie „The Team“ einen Familienvater, der gern laufen geht, aber noch öfter am Rauchen ist.

Während der Zigarettenqualm aus dem wirklichen Leben verschwindet, ist die Fluppe im Fernsehen allgegenwärtig. Das hat auch Rainer Hanewinkel beobachtet. Der Kieler Gesundheitsforscher hat 2007 in einer Studie festgestellt, dass in deutschen Filmen häufiger geraucht wurde als in anderen TV-Nationen. Damals appellierte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung an die Macher, bei der Darstellung des Rauchens zurückhaltender zu sein.

Es wurde in der Tat weniger, aber jetzt, sagt Hanewinkel, „hat es wieder zugenommen: Es wird als Stilmittel nicht hinterfragt. Die Fiktion spiegelt die Realität nicht wider.“

Die neuen Marlboro-Männer: Moritz Bleibtreu zündet sich in der Ferdinand-von-Schierach-Verfilmung „Schuld“ schon mal zwei Zigaretten gleichzeitig an.

2007 hatte er festgestellt, dass Kinder und Jugendliche ein doppelt so hohes Risiko haben, mit dem Rauchen anzufangen, wenn sie Filme sehen, in denen oft gequalmt wird: „Das ist indirekte Werbung.“ Zudem wird erwachsenen Rauchern das Aufhören erschwert. Jede Szene mit einer Zigarette steigert das Rauchverlangen.

Rauchen ist nicht mehr cool 

Darum ist auch die Kasseler Filmproduzentin Heike Wiehle-Timm („Ein Mann für jede Tonart“) dafür, dass Rauchen nur dann als dramaturgisches Mittel eingesetzt wird, wenn es nötig ist: etwa „wenn jemand Dampf ablassen will“.

Warum Bleibtreu als Anwalt Friedrich Kronberg Kettenraucher ist, bleibt so nebulös wie das Bild in den zugequalmten Talkshows der 70er. Die einen sagen, er rauche nur, weil seine Figur für die Handlung völlig überflüssig sei. Das Feuerzeug bringe wenigstens etwas Action. Die anderen meinen, die Zigarette sei eine Hommage an von Schierach, der selbst Kettenraucher ist.

„Der reinen Coolness halber“, glaubt Wiehle-Timm, „ist das Rauchen aus Filmen verdammt.“ Sie hat einst wegen James Dean angefangen, heute ist die 56-Jährige nur noch Gelegenheitsraucherin. Wenn Waschke als einsamer Polizei-Cowboy im Berliner „Tatort“ raucht, sieht er aber nicht aus wie James Dean, sondern wie ein süchtiger Beamter, der zum Qualmen nach draußen geschickt wird.

Für ihren TV-Film „Charlotte und ihre Männer“ mit Marianne Sägebrecht hat Wiehle-Timm 2007 übrigens das Rauchfrei-Siegel der Deutschen Krebshilfe bekommen. Unbewusst hatte sie auf Rauchszenen verzichtet. Seit 2011 wurde das Siegel nicht mehr vergeben. Es gab nicht genügend positive Produktionen. Im Mai findet erstmals wieder eine Preisverleihung statt. Es wird höchste Zeit.

Letzte Folge von „Schuld“:  Freitag, 21.15 Uhr, ZDF

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