Eckhard Manz und die Kantorei St. Martin machten Bachs Johannespassion zu einem ergreifenden Drama

Mut zum radikalen Ausdruck

Im Mittelpunkt des Geschehens: Die Kantorei St. Martin, geleitet von Eckhard Manz. Fotos: Schachtschneider

Kassel. Bachs Johannespassion ergreift die Zuhörer auch nach bald 300 Jahren durch ihrer Unmittelbarkeit und die Heftigkeit, mit der das Passionsgeschehen vom Verrat des Judas im Garten Gethsemane bis zur Grablegung Jesu musikalisch mitvollzogen wird.

Allerdings gehören Können und Courage dazu, die existenziell dramatische Passionserzählung vom schützenden (und nivellierenden) Pathos zu befreien, das sich in einer langen Aufführungstradition über das Werk gelegt hat. Eckhard Manz und die Kantorei St. Martin besaßen beim Konzert am Sonntag in der sehr gut gefüllten Martinskirche den Mut, die Johannespassion als extreme Ausdrucksmusik aufzuführen.

Viel hängt dabei vom Evangelisten ab, der als Erzähler rezitativisch durchs Geschehen führt. Da war es ein seltener Glücksfall, mit welcher stimmlichen und deklamatorischen Kraft der Tenor Johannes Weiss diesen Part ausfüllte - ein Evangelist, der geradezu die Dramatik eines Live-Reporters ausstrahlte.

Bach hat den expressiven Gestus der Johannespassion in der veränderten Fassung von 1725 noch gesteigert, die ein Jahr nach der Erstaufführung von 1724 in Leipzig erklang, und die jetzt in Kassel zu hören war. Und wieder war es Johannes Weiss, der in den beiden neu eingeführten Arien „Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel“ und „Ach windet euch nicht so, geplagte Seelen“ die seelische Erschütterung des Hörers der Passionsbotschaft mit großer Eindringlichkeit vermittelte.

Die beiden Arien wagen sich in noch extremere Ausdrucksbereiche vor als die Arien der Erstfassung an dieser Stelle, „Ach mein Sinn“ und „Erwäge“. Warum Bach bei späteren Aufführungen doch wieder zur Ursprungsfassung zurückkehrte, ist nicht belegt.

Mit etwas zu viel Zurückhaltung ging Fabian Hemmelmann die ebenfalls neu eingefügte Bass-Arie „Himmel reiße, Welt erbebe“ mit Chorsopran an. Stefan Adam verlieh den Worten Jesu Würde und Strahlkraft, und Traudl Schmaderer (Sopran) verband in der Arie „Zerfließe, mein Herze“ Reinheit mit emotionaler Tiefe.

Angesichts der zupackenden Dramatik der Aufführung war der Kontrast zum introspektiven Ruhepunkt der Altarie „Es ist vollbracht“ umso ergreifender. Altus Stefan Görgner gestaltete die Arie tonschön und mit ruhiger Klarheit.

Die Kantorei St. Martin stützte das Aufführungskonzept mit einer schon professionell zu nennenden Leistung. Präzision, Strahlkraft und Beweglichkeit zeichneten die Volkschöre aus, Innigkeit und differenzierte Textausdeutung die Choräle.

Eckhard Manz hat diesen Chor weit nach vorn gebracht. Unter seiner souveränen Leitung vereinten sich alle Akteure, auch das flexibel und prägnant musizierende Barockorchester, zu einer außergewöhnlichen Aufführung. Langer, starker Beifall.

Von Werner Fritsch

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