Radikalisiert durch innere Not: Schillers "Räuber" am Staatstheater

Sucht viel Körperkontakt: die Räuberclique, gespielt von Maria Munkert (Schweizer, von links), Hagen Bähr (Karl Moor), Lauren Rae Mace (Grimm) und Rahel Weiss (Spiegelberg). Fotos: Klinger

Kassel. Am Staatstheater erscheint das von zwei Regisseuren inszenierte Freiheitsdrama sehr aktuell

Kassel. Hier gibt es keine Helden. Keinen Räuberhauptmann, der Robin-Hood-artig für das Gute kämpft, von einer Bande cooler Typen umgeben. Am Kasseler Staatstheater wird Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ vielmehr befragt auf die Konsequenzen, die sich ergeben, wenn jemand Freiheit im Munde führt, aber Egoismus, Rache und Gewalt lebt. So baut sich ein Assoziationsraum zu Terrorgruppen wie dem rechtsradikalen NSU, dem so genannten Islamischen Staat oder zur linken RAF auf.

Das dreistündige Drama am ausverkauften Schauspielhaus wurde zur Premiere am Samstag mit Jubel und rhythmischem Klatschen gefeiert. Es ist ein Theatererlebnis, das durch seine intellektuelle Stoffdurchdringung überzeugt, zugleich aber auch sehr sinnlich und körperlich arbeitet. Das Konzept geht auf, die Regie aufzuteilen auf Markus Dietz und Philipp Rosendahl. Jeder inszenierte die Welt eines der Brüder Moor.

Franz, der sich ewig zu kurz gekommen fühlt, will Freiheit erlangen, in dem er alle Emotionen und menschlichen Bindungen kappt. Konstantin Marsch gibt ihm eine innere Daueranspannung und einen fiebrig-flackernden Geist. Auf der schmalen Vorbühne vor einer Wand und über viele Minuten auch ganz nackt entwirft Marsch das dichte Porträt eines erstaunlich modernen Menschen, den man keineswegs nur als intriganten Schuft abtun kann. Ingrid Noemi Stein spielt die Frau zwischen den Brüdern, Amalia, die ihre Zu- oder Abwendung als effiziente Manipulationsmittel einsetzt.

Bedrängend: Konstantin Marsch (Franz Moor, links) und Lukas Umlauft (Hermann).

Hinter der Wand öffnet sich die Welt des Karl Moor. Philipp Rosendahl inszeniert sie mit überbordender Ideenfülle. Vielleicht hätte man auf ein paar der Regiemittel verzichten können, aber in Mayke Heggers toller Szenerie aus alten Tischen, die zu Versteck, Festung oder Hinrichtungsstätte werden, lässt sich auf beklemmende Weise mitvollziehen, wie wenig es braucht, damit ein paar junge Typen radikalisiert werden. Erst bewegen sie sich wie mechanische Puppen und erinnern mit karierten Anzügen und übergroßen Zylindern an den Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Wenn sie die Zivilisiertheit abstreifen, tragen alle Glatze und Unterhemd, die Körper sind mit weißer Farbe beschmiert (Kostüme: Katharina Faltner). Individueller als in der bürgerlichen Welt oder mehr als Menschen erkennbar sind sie so nicht. Und ob sie nun eher anarchistisch oder identitär unterwegs sind, ist gar nicht mal so klar.

Dass drei der Räuber von Frauen gespielt werden, Maria Munkert als Schweizer, Lauren Rae Mace als Grimm und die famose Rahel Weiss als charismatischer Einpeitscher Spiegelberg, erzeugt eine zusätzliche Verwirrung der Identitäten und lädt das Miteinander der Clique mit viel sexueller Energie auf. Man trägt einander huckepack, versichert sich mit vielen Berührungen der Zusammengehörigkeit und Großartigkeit.

Nur einer fühlt sich gar nicht so großartig: Karl Moor. Hagen Bähr entwirft das intensive, vielfältige Porträt eines emotional labilen Grüblers, der seine Kumpel für die eigene seelische Stabilisierung gern einspannt – bemäntelt mit allerlei wohlfeilen Parolen – wenn deren Marodieren sich aber mörderisch verselbständigt, flammt bei ihm Entsetzen auf. Von politischen Idealen angetrieben ist dieser Mann weniger, vielmehr von emotionaler Bedürftigkeit.

In weiteren Rollen: Jürgen Wink als Maximilian Moor, Markus Schön als Schufterle, Aljoscha Langel als Roller, Lukas Umlauft als Hermann und Uwe Steinbruch als Daniel.

Wieder am 8., 13., 23.10., Karten: 0561-1094-222, www.staatstheater-kassel.de

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