„Radikalste Ausschläge“: Interview über das Münchner Olympia-Attentat

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Sie versuchten vergeblich, die Geiseln zu befreien: Polizeipräsident Dieter Waldner (Heino Ferch, hinten von links), die Innenminister Bruno Merk (Bayern, Rainer Bock), Hans-Dietrich Genscher (Bund, Stephan Grossmann), dessen Adjutant Ulrich K. Wegener (Benjamin Sadler) und Walther Tröger, Bürgermeister des olympischen Dorfs (Christoph Zrenner), in „München 72 - Das Attentat“.

Es sollten die heiteren Spiele werden, doch dann wurde Olympia in München zur Geburtsstunde des internationalen Terrorismus. Am 5. September 1972 nahmen Terroristen der palästinensischen Gruppe „Schwarzer September“ elf israelische Sportler als Geiseln. 21 Stunden später waren alle tot, außerdem ein deutscher Polizist sowie fünf der Terroristen.

Nico Hofmann, der mit seiner Firma Teamworx schon viele Ereignisse der deutschen Geschichte verfilmt hat („Mogadischu“, „Dutschke“), hat für das ZDF den Spielfilm „München 72 - Das Attentat“ produziert. Regisseur Dror Zahavi zeigt die fröhliche Stimmung der Spiele und erzählt aufwühlend vom Schrecken. Mit Bernadette Heerwagen als Polizistin, Stephan Grossmann als Innenminister Hans-Dietrich Genscher und Benjamin Sadler als Ulrich Wegener, späterer Leiter der GSG 9, ist der Film hervorragend besetzt. Wir sprachen mit dem 41-jährigen Sadler.

Herr Sadler, Sie sind 1971 geboren. Wissen Sie noch, wann Sie die Olympischen Spiele in München zum ersten Mal bewusst wahrgenommen haben?

Benjamin Sadler: Ich muss zehn oder elf gewesen sein, als ich die ersten Bilder in Jahresbüchern gesehen habe. Da war Ulrike Meinhof drauf, die Gold im Hochsprung gewann.

Sie meinen Ulrike Meyfarth.

Sadler: Stimmt. Wäre Ulrike Meinhof Hochspringerin gewesen, hätten wir wahrscheinlich einige Probleme weniger gehabt. Neben Ulrike Meyfarth sah man die Bilder der ausgebrannten Hubschrauber in Fürstenfeldbruck. Und ich kann mich an den israelischen Fechttrainer erinnern, der sich im Olympischen Dorf aus dem Fenster lehnte, um mit den Polizisten zu reden. Diese Bilder haben sich eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis.

Die Spiele wurden erschüttert durch die Stunde null des internationalen Terrorismus.

Sadler: Ja, es waren die denkbar radikalsten Ausschläge. Auf der einen Seite diese Utopie des Weltfriedens und der Völkerverständigung, auf der anderen Seite der Mord an unschuldigen Menschen, die nach München gekommen waren, um sich sportlich zu messen.

Sie spielen Genschers Adjutanten Ulrich Wegener, der in München nur beratend mitwirkte. Als Zuschauer hat man den Eindruck, dass es besser ausgegangen wäre, wenn er das Sagen gehabt hätte.

Sadler: Das wird immer hypothetisch bleiben. Tatsache ist, dass entscheidende Fehler gemacht worden sind. Eine gewisse Beratungsresistenz, Selbstüberschätzung und Bürokratie haben dazu beigetragen, dass Menschen ihr Leben verloren. Wir dürfen allerdings auch nicht vergessen: Wir reden von 1972 und einem Land, das sich erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg als friedvolles Land präsentieren wollte, das aus den eigenen Fehlern gelernt hatte. Natürlich hatte man Angst, dass ein extremes Auftreten durch Sicherheitskräfte alte Ressentiments wecken würde. So wurden bestimmte Risiken nicht wahrgenommen.

Es gibt im Film unglaubliche Szenen. Etwa als US-Sportler den Terroristen über den Zaun helfen, weil sie glauben, es seien arabische Athleten, die nach durchzechter Nacht ins olympische Dorf zurückwollen. Wie realistisch ist der Film?

Sadler: Sehr realistisch. Die Grundfakten der Abläufe sind absolut historisch belegt. Gewisse Zuspitzungen in den Figuren sind bewusst fiktionalisiert, weil wir emotionalisieren wollen. Sonst können Sie sich gleich einen Dokumentarfilm anschauen. Wir wollen Identifikation durch Sympathie und Nähe herstellen.

Sie spielen oft in Geschichtsfilmen wie „Contergan“ und „Krupp - Eine deutsche Familie“. Demnächst sind Sie in „Rommel“ zu sehen. Sie gelten schon als „Schauspieler Nr. 1 für die Haupt- und Staatsaktionen im deutschen Fernsehen“.

Sadler: Ich glaube, das ist ein bisschen ein Zerrbild. Sie finden solche historischen Spielfilme auch in vielen Biografien meiner Kollegen, weil dieses Genre in den vergangenen zehn Jahren eine Renaissance erlebt hat. Der deutsche Film und das Fernsehen haben erkannt, dass das Leben die besten und dramatischsten Geschichten schreibt. Das hat etwas mit der Suche nach Identität zu tun. Wir wollen verstehen, warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist und was uns prägt.

Im Anschluss, 21.45 Uhr, läuft Uli Weidenbachs Film „München 72 - Die Dokumentation“

Von Matthias Lohr

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