Zum 100. Geburtstag

Neue Biografie über Albert Camus: Das Einfache und das Licht

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Albert Camus

Iris Radisch, Feuilletonchefin der "Zeit", gliedert ihre glänzend geschriebene, zum heutigen 100. Geburtstag von Albert Camus erschienene Biografie des Literaturnobelpreisträgers nach den zehn Worten, die Camus einer Umfrage zufolge am meisten bevorzugte:

"Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer." Darin, so Radisch, steckt der ganze Camus Leben und Werk.

Beides verklammert die 54-Jährige auf faszinierende Weise. Radisch, auch durch den "Literaturclub" auf 3sat bekannt, beschreibt Camus als mediterranen Autor des Elementaren, der Urbilder des Glücks aus seiner sonnendurchglühten, lichtdurchfluteten algerischen Heimat nach Paris mitnahm, wo er nie wirklich zu Hause war. Der an eine Mittelmeer-Utopie, die "versöhnende Zauberkraft des strahlend hellen Mittelmeers" glaubte. "Es wird Zeit, sich dem algerischen Camus zuzuwenden", schreibt Radisch - dem Fundament seines Denkens, einer "Ästhetik der Einfachheit", das eine visionäre Wachstumskritik, Zweifel an der Maßlosigkeit des industriellen Zeitalters einschloss.

Links zum Thema

Wikipedia: Albert Camus

Wikipedia: Existentialismus

Dass Camus in Paris zum Star aufstieg, beschreibt Radisch geradezu als Wunder. Camus entstammte einer archaischen Armut und Gefühlskälte. Die Mutter, eine seelisch gestörte Analphabetin, verehrte er jedoch wie eine Heilige. Sein Weg war schwindelerregend - aber genau aus dem Armutsstolz und Fatalismus, der Bescheidenheit seiner Herkunft entfaltete sich Radisch zufolge Camus Existenzialismus.

Das Absurde ist, wie es in "Der Fremde" heißt, "die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt". Es ist ein Paradox: das Einverständnis mit dem Schicksal, Glück selbst in der größten Hoffnungslosigkeit, eine "verzweifelte Erhabenheit". Bei Unbehaustheit, Einsamkeit und Leere bleibt Camus nicht stehen. Im zweiten Schritt fordert und vollzieht er die Auflehnung gegen das Absurde. Der absurde Mensch rechne zwar "nicht mit der Zukunft, sondern mit dem Tod", schreibt Radisch. Daraus resultiert aber gerade Lebenslust und -besessenheit, der absurde Mensch "hat es eilig, seine Zeit ist jetzt". Das Leben, schreibt Camus, "erleuchtet uns auch mit einem plötzlichen und verrückten Glück, das uns teilhaben lässt."

Radisch offenbart auch Camus ausschweifendes Leben. Unfähig zu wirklicher Nähe, unterhielt er eine Vielzahl von Geliebten (deshalb wird seine Frau "die Hilfe der Psychiatrie benötigen"). Für Radisch ist Camus kein Heiliger. Er konnte hochmütig sein, ein Lebemann, verletzlicher Rechthaber mit Phasen der Müdigkeit, Angstzuständen, Schreibkrisen, gleichzeitig aber war er ein zur Freundschaft begabter "Mannschaftsspieler", der einen Teamgeist schätzte, wie er ihn vom Fußball kannte.

Revolte gegen das Absurde, das bedeutete die Pflicht zur Solidarität, die Auflehnung gegen das Schicksal, wie sie der Arzt Dr. Rieux in der "Pest" praktiziert: "Die einzigartige Größe des Menschen ist es, zu bekämpfen, was mächtiger ist als er selbst", so Camus. Er selbst begab sich in die Kämpfe seiner Zeit als unbestechlicher, undogmatischer Journalist, als Gegner der Todesstrafe und als einer der wenigen Pariser Intellektuellen, die sich protestierend an die Seite der Arbeiter stellten, die in Ostberlin oder Budapest Aufstände gegen die sowjetische Tyrannei wagten.

Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Rowohlt, 352 S., 19,95 Euro, Wertung: 5 von 5 Sternen

Albert Camus und Jean-Paul Sartre

Albert Camus vertrat einen Sozialismus, der nicht an "absolute und unfehlbare Doktrinen, sondern an die hartnäckige, chaotische, unermüdliche Verbesserung des menschlichen Lebens" glaubt, wie er es 1944 im "Combat", der Zeitung der Résistance, formulierte. In den 30er-Jahren kurzzeitig selbst KP-Mitglied, aber aus der Partei geworfen, weigerte er sich, "zwischen den Menschen und das Leben einen Band des ,Kapitals zu stellen".

Camus wollte sich nicht einem abstrakten Ideal von Gerechtigkeit zuliebe mit Missständen einverstanden erklären, nicht für eine Ideologie den einzelnen Menschen verraten. Es gelte, sich gegen das Unrecht aufzulehnen und den Einzelnen "gegen die Partisanen eines anonymen Hasses zu verteidigen", schrieb er 1939.

Jean-Paul Sartre

Mit dem stets moskautreuen Philosophen Jean-Paul Sartre (Wikipedia), der die sowjetischen Lager des Gulag als unumgänglichen Zwischenschritt der Geschichte rechtfertigte, sollte sich Camus wegen seines unbeirrbaren Antistalinismus auf eine brutale, erbarmungslose Weise entzweien. Iris Radisch stellt das ausführlich dar: Sartre "setzt ihn matt", schreibt sie, "schlägt ihn aus dem Feld", und Camus sollte sich von diesem Schlag nie mehr erholen. Er zog nicht nur zu Lebzeiten den Kürzeren. Für fünf Jahrzehnte habe gegolten: "Mit Sartre zu irren war besser, als mit Camus recht zu behalten." Im Rückblick jedoch, auf lange Sicht, habe sich Camus durchgesetzt: "Am Ende hat die Geschichte Sartre unrecht gegeben. Und Camus in allem bestätigt." Camus Totalitarismuskritik nennt sie "eine der hellsichtigsten Gegenwartsanalysen des 20. Jahrhunderts".

Zur Person: Albert Camus

Als Nachfahre französischer Einwanderer wird Albert Camus am 7. November 1913 in Mondovi, Algerien, geboren. Der Vater bleibt im Ersten Weltkrieg. Camus absolviert ein Philosophiestudium an der Universität in Algier, eine erste frühe Ehe scheitert. Der tuberkulosekranke Camus wird Journalist, beginnt zu schreiben, gründet Theatergruppen.

1940 geht er nach Paris. Heirat mit Francine Faure. Er wird Lektor im Verlag Gallimard, Chefredakteur der Widerstandszeitung „Combat“. 1942 erscheinen „Der Fremde“, „Der Mythos des Sisyphos“. 1945 Geburt von Zwillingen, 1947 „Die Pest“, 1951 „Der Mensch in der Revolte“, journalistische Arbeiten. 1957 Nobelpreis, Hauskauf in Lourmarin (Provence). Am 4. Januar 1960 stirbt Camus bei einem Verkehrsunfall. Aus dem Nachlass erscheint „Der erste Mensch“.

Von Mark-Christian von Busse

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