Am Rand des Singbaren: Jubiläumskonzert

Ein Chor, der Maßstäbe setzt: Das Vocalensemble Kassel mit seinem Leiter Eckhard Manz in der Christuskirche. Foto: Schachtschneider

Kassel. Wie schön und gefühlvoll romantische Chormusik klingen kann, demonstrierte das Vocalensemble Kassel am Sonntag in der Christuskirche mit drei Chorsätzen von Clara Schumann. Doch dieser Ausflug ins 19. Jahrhundert wurde im wahrsten Sinne übertönt von Vokalmusik des 20. Jahrhunderts, die das Konzert des Kultursommers Nordhessen unter dem Motto „Licht und Dunkel“ hauptsächlich bestimmte.

Zwei Jubiläen gab es mit diesem Chorkonzert zu feiern: das 50-jährige Bestehen des Vocalensembles, das 1965 vom damaligen Martinskirchenkantor Klaus Martin Ziegler als Kammerchor neben der Kantorei gegründet wurde. Gleichzeitig schloss man sich mit dem ausschließlich der Musik von Komponistinnen gewidmeten Konzert an die seit 25 Jahren bestehende, von Christel Nies geleitete Konzertreihe „Komponistinnen und ihr Werk“ an.

Das mehrteilige Chorwerk „Tag des Jahrs“ der finnischen Komponistin Kaija Saariaho (62) – mit elektronischer Zuspielung von Frank Gerhardt – gliederte das Programm. Die vier den Jahreszeiten gewidmeten Sätze auf Texte von Friedrich Hölderlin gaben mit der Saariaho eigenen Expressivität den Ton des Abends vor.

Dass das von Kantor Eckhard Manz geleitete Vocalensemble ein Chor ist, der schwierigste Literatur nicht nur bewältigt, sondern eindrucksvoll zu interpretieren in der Lage ist, muss man in Kassel kaum noch betonen. Doch hier gab es einen Chorsatz Saariahos, der bis an den Rand des musikalisch Sagbaren führte: „Nuits, adieux“ für vier Solisten (Nadja Senatskaja, Annette Bialonski, Vladimir Tarasov, Manfred Reich) und Chor, ein Stück, das mit schweren Atemgeräuschen sogar das Sterben andeutet.

Ein skurriles Gegenstück dazu wurde von Nadja Senatskaja und dem Pianisten Hellmuth Vivell geboten. Ton für Ton werden bei Saariahos „Il pleut“ die weißen Klaviertasten abwärts gespielt, und in diese Skala klinkt sich die Sopranistin mit ihrem Gesang auf einen Apollinaire-Text ein.

Welche Chorpower 28 Stimmen erzeugen können, wurde in Lili Boulangers „Hymne au soleil“ (mit Altsolo von Annette Bialonski) beispielhaft deutlich. Boulanger erwies sich auch in weiteren Stücken als die Komponistin für die große Geste.

Der Beifall der 170 Zuhörer wollte nicht enden.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.