Rapper von der Antilopen Gang fordern die Weltrevolution

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Die Antilopengang: Koljah (von links), Panik Panzer und Danger Dan.

Die linken Rapper der Düsseldorfer Antilopen Gang haben aus Beate Zschäpe einen Hit gemacht. Nun kommen die Musiker in die Region. Im Interview fordern sie die Abschaffung der BRD.

Mit ihrem Song „Beate Zschäpe hört U2“ hat die Düsseldorfer Antilopen Gang 2014 den Polit-Hit des Jahres gelandet. Darin rappt das Trio über die Banalität des Bösen und die NSU-Terroristin, bei der Fahnder U2-Platten fanden. Die Antilopen Gang, die bei der Plattenfirma der Toten Hosen unter Vertrag ist, hat Witz und Haltung und wurde gerade mit dem Nachwuchspreis New Music Award ausgezeichnet. Wir sprachen mit Rapper Koljah vor den Auftritten in Eschwege (6. November), Göttingen (8. November) und Kassel (20. Dezember).

Haben Sie heute schon gekifft? 

Koljah: Nein, das habe ich schon seit dem 30. Dezember 2012 nicht mehr gemacht. Vorher habe ich sehr viel gekifft. Damit aufzuhören, war die richtige Entscheidung.

Zuletzt waren Sie in der Online-Ausgabe der „Tagesschau“ zu Gast. Stimmt es, dass Ihre Kollegen in der Maske einen durchgezogen haben?

Koljah: Das stimmt, aber ich war nicht daran beteiligt.

Sie haben dort die Auflösung der Bundesrepublik gefordert. Lag das am Kiffen? 

Koljah: Nein, das ist ein ernst gemeintes politisches Programm. Das Problem der Bundesrepublik ist, dass sie gar nicht erst hätte gegründet werden dürfen. Durch den Holocaust hat Deutschland jegliches Existenzrecht verwirkt. Die Bundesrepublik wurde den Deutschen gegen ihren Willen aufgezwungen.

Mit so einer hanebüchenen Forderung bekommen Sie auch von rechten Verschwörungstheoretikern Beifall.

Koljah: Das glaube ich nicht, denn die Leute bei Pegida und Co. sind deutschtümelnde Nationalisten, die die Bundesrepublik als Fremdherrschaft wahrnehmen und sich ein anderes Deutschland wünschen. Wir wollen überhaupt kein Deutschland, sondern eine freie Assoziation von Individuen ohne Nationalstaaten. Ich will die soziale Weltrevolution.

Dazu passt Ihre Songzeile: “Deutsch-Rap muss sterben, damit wir leben können.” Das ist ein hübscher Verweis auf die Punkband Slime (“Deutschland muss sterben, damit wir leben können”), aber was haben Sie gegen Deutsch-Rap, der noch nie so vielfältig war wie heute?

Koljah: Es freut uns auch, dass mittlerweile so viele Spielarten nebeneinander existieren. Es gibt für jeden etwas. Aber Deutsch-Rap ist einfach ein hässliches Wort. Früher gab es einfach nur HipHop. Dann kamen Anfang der 90er die Fantastischen Vier und plötzlich steckten Journalisten deutschen Mittelstands-Rap in die Schublade Deutsch-Rap, und junge Migranten mussten ihre Musik unter dem Namen Oriental-HipHop verkaufen. Das alles finde ich fragwürdig. Außerdem sehen wir uns als die Kings, die die Alleinherrschaft beanspruchen. Wir dulden niemand anderen neben uns.

Ironie spielt eine große Rolle bei der Antilopen Gang, oder? 

Koljah: Ja, dabei sollte man in einem Interview möglichst nicht ironisch sein. Es wird einfach zu oft missverstanden.

Sie haben also gar nicht alles ernst gemeint? 

Koljah: Nein, ich habe hier und da einige ironische Spitzen losgelassen. Das mit Deutschland war jedenfalls mein Ernst.

Ihren Hit „Beate Zschäpe hört U2“ wollte der umstrittene Radiomoderator Ken Jebsen verbieten lassen. Sie hatten ihn in dem Stück einen rechten Verschwörungstheoretiker genannt. 

Kolja: Die einstweilige Verfügung hat er zurückgezogen. Für uns war das eine nette Promo-Kampagne. Wir sind ihm jetzt noch dankbar. Schlimm ist, dass die Stimmung im Land viel bedrohlicher ist als vor einem Jahr. Damals ging es um Pegida, mittlerweile brennen Asylbewerberheime.

Den Durchbruch haben Sie erst nach dem Selbstmord ihres Bandmitglieds NMZS geschafft, der sich im März 2013 das Leben nahm. Was hat sein Tod mit der Band gemacht? 

Koljah: Wir haben eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickelt. Wir hätten auch gar nicht gewusst, was wir sonst machen sollen. Die Antilopen Gang war unser Ding und auch das von Jakob. Es war in seinem Sinn, dass wir weitermachen. Die Band ist für uns nun eine Art Therapie.

Gerade haben Sie den New Music Award bekommen. Ein Nachwuchspreis für eine Band, die es schon sechs Jahre gibt - das klingt auch nach Ironie.

Koljah: Stimmt, wir sind die dienstältesten Newcomer. Andererseits ist ein Nachwuchspreis besser, als wenn wir jetzt schon eine Auszeichnung fürs Lebenswerk erhalten hätten. Damit haben wir noch Zeit.

Die Antilopen Gang spielt an diesem Freitag in Eschwege (21 Uhr, E-Werk, Mangelgasse 19) und am 10. Dezember in Kassel (20 Uhr, A.R.M., Werner-Hilpert-Straße 22). Außerdem ist sie am Sonntag (20 Uhr) Vorband bei Fettes Brot in der Göttinger Stadthalle. 

Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203204. 

Zur Band

Mitglieder: Koljah (von links), Panik Panzer und Danger Dan. NMZS (Jakob Wich) nahm sich 2013 das Leben.

Gegründet: 2009 Aktuelles Album: „Aversion“

Sonstiges: Koljah Podkowik (29) hat in Göttingen Soziologie studiert und lebt mit seiner Freundin in Düsseldorf. Seine Bandkollegen wohnen in Köln und Berlin. Ihre Jobs haben die Rapper gekündigt, weil sie zum ersten Mal von der Musik leben können.

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