Der Rapper Eminem entdeckt nach seiner überwundenen Drogensucht das Singen

Das hätte man auch nicht gedacht, dass der Rapper Eminem mal zu Xavier Naidoo werden würde. Im Video zu seiner neuen Single „Not Afraid“ steht der 37-Jährige am Abgrund auf einem Hochhausdach.

Vor einigen Jahren war der Superstar aus Detroit tatsächlich dabei abzustürzen. Täglich nahm er bis zu 20 Tabletten, eine Überdosis Methadon hätte ihn beinahe das Leben gekostet. In dem spektakulären Clip stürzt Eminem selbstverständlich nicht ab. Stattdessen fliegt er wie Superman durch die Stadt und singt erbauende Zeilen: „Kommt schon / nehmt meine Hand / Wir gehen diesen Weg gemeinsam / durch den Sturm / bei jedem Wetter, bei Hitze und Kälte.“ Ähnliche Ratschläge hat der deutsche R’n’B-Barde Xavier Naidoo seinen Zuhörern auch schon gegeben, als er sang: „Dieser Weg wird kein leichter sein.“

Es scheint, als sei der einstige Skandalrapper nicht mehr der alte. Früher beschimpfte Marshall Bruce Mathers II. Schwule, nun sprach er sich in einem Interview mit der „New York Times“ für die Homo-Ehe aus. „Das ist das neue tolerante Ich“, sagte er anlässlich seines diese Woche erschienenen Albums „Recovery“. Es dürfte wieder ein Hit werden. Kein anderer Pop-Künstler verkaufte in den Nuller-Jahren mehr Alben als der Mann, der in einer Wohnwagensiedlung am Rande von Detroit aufwuchs und zum besten weißen Rapper wurde. Mit seinen Versen beeindruckte Eminem, der angeblich keine Bücher liest, sogar Intellektuelle. Der irische Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney urteilte, Eminem erschüttere „seine Generation wie ein Stromschlag“. Konservative wie George W. Bush wetterten hingegen, der Rapper sei „die größte Bedrohung für Amerikas Kinder seit Polio“.

Dann zerstörte sich Eminem fast selbst durch seine Tablettensucht. Vier Jahre lang war er aus der Öffentlichkeit verschwunden, ehe er sich im vergangenen Sommer mit „Relapse“ zurückmeldete. Der Titel bedeutete Rückfall, und Eminem erzählte in seinen Songs ausführlich von seinem Drogenelend und der Zeit in der Entziehungsklinik. Es waren düstere Tracks, die er mit seinem Entdecker Dr. Dre aufnahm. „Recovery“ hingegen steht für Wiederbelebung und Erholung. Der Rüpel lässt jetzt ein bisschen die Sonne in sein wütendes Herz.

Eminem arbeitete mit mehreren Produzenten, um „einen vielfältigen Sound zu schaffen und eine vielfältige Stimmung wiederzugeben“, wie er sagt. Auf „Recovery“ wird fast mehr gesungen als gerappt. Als Gaststars treten die Pop-Sängerinnen Rihanna und Pink sowie der Südstaaten-Rapper Lil Wayne ans Mikro. In „No Love“ wird allerschlimmster Eurodance von Haddaway („What Is Love“) verwurstet. Die 16 anderen Songs zitieren unter anderem Black Sabbath und R.E.M.

Das macht durchaus Spaß. Letztlich ist der wegen illegalen Waffenbesitzes vorbestrafte Vater von drei Töchtern aber immer noch das genaue Gegenteil von Xavier Naidoo. Manchmal überschreitet er weiter alle Geschmacksgrenzen: In „Won’t Back Down“ rät er einem Mädchen, sie solle ihren Hintern so schütteln, als stecke der parkinsonkranke Schauspieler Michael J. Fox in ihrem Slip. Eminem: Recovery (Interscope / Universal). Wertung: vier von fünf Punkten.

Von Matthias Lohr

Hintergrund: Zur Person

Künstlername: Eminem Geburtsname: Marshall Bruce Mathers II Alter: 37 Wohnort: Detroit Verkaufte Platten: 80 Millionen Größte Hits: „My Name Is Slim Shady“, „Lose Yourself“ Privates: geschieden, drei Töchter (davon zwei adoptiert) Hobbies: Laufen, Triathlon

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