Niedersächsischer Teilnehmer beim Bundesvision Song Contest

Rapper und Mobbing-Opfer Sierra Kidd: "Du musst dich wehren"

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Für Niedersachsen beim Bundesvision Song Contest am Start: Der Rapper Sierra Kidd alias Manuel Jungclaussen (17) aus Emden.

Göttingen. Er ist der jüngste Starter bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest in der Göttinger Lokhalle und hat eine traurige Geschichte:

Der 17-jährige Sierra Kidd aus Emden wurde jahrelang in der Schule gemobbt. Mit seinem Debütalbum „Nirgendwer“ schaffte es der Rapper auf Platz sechs der Charts. Wir sprachen mit Sierra Kidd, der eigentlich Manuel Jungclaussen heißt und bei dem Musikwettbewerb von Pro 7 am Samstag (20.15 Uhr) mit „20.000 Rosen“ für Niedersachsen startet.

Samstag starten Sie vor einem Millionenpublikum beim Song Contest, drei Tage später werden Sie 18. Auf was freuen Sie sich mehr? 

Sierra Kidd: Ehrlich gesagt habe ich ein bisschen Angst vor dem Song Contest. Beim Fernsehen weißt du nie, wer zuschaut. Auf meinen 18. Geburtstag freue ich mich eigentlich gar nicht. Ich muss dann noch mehr selbst machen: Verträge unterschreiben, auf Ämter laufen.

Im Wettbewerb sind viele Teilnehmer mit HipHop-Hintergrund. In den Charts ist ständig ein anderer Rapper auf Platz eins. Warum ist deutscher HipHop so populär wie noch nie? 

Der Bundesvision Song Contest

Zum zehnten Mal veranstalten Stefan Raab und Pro 7 den Bundesvision Song Contest, der am Samstag (20.15 Uhr) in der Göttinger Lokhalle stattfindet und live übertragen wird. Im Vorjahr hatte Bosse für Niedersachsen gewonnen. Den Sieger bestimmen die Zuschauer per Anruf und SMS.

Die Teilnehmer: 

Bayern: Andreas Bourani („Auf anderen Wegen“)

Baden-Württemberg: Max Mutzke („Charlotte“)

Berlin: Miss Platnum („Hüftgold“)

Brandenburg: Kitty Kat („Hochhaus“)

Bremen: Revolverheld („Lass uns gehen“)

Hamburg: Nico Suave feat. Flo Mega („Gedicht“)

Hessen: OK Kid („Unterwasserliebe“)

Mecklenburg-Vorpommern: Marteria („Mein Rostock")

Niedersachsen: Sierra Kidd („20 000 Rosen“)

Nordrhein-Westfalen: Maxim („Alles versucht“)

Rheinland-Pfalz: Jupiter Jones ("Plötzlich hält die Welt an")

Saarland: Inglebirds („Getti“)

Sachsen: Sebastian Hackel („Warum sie lacht“)

Sachsen-Anhalt: Teesy („Keine Rosen“)

Schleswig-Holstein: Tonbandgerät („Alles geht“)

Thüringen: Duerer („Was gestern war“)

Sierra Kidd: Der Erfolg von Cro und Marteria hat uns viele Türen geöffnet. Dadurch sind die Leute toleranter geworden. Sie sehen, dass HipHop ein sehr facettenreiches und poetisches Medium ist.

Da bringen Sie nun eine neue Farbe rein. Bislang waren Rapper selbstbewusste Alphatiere. Bei Ihnen geht es jedoch oft um eigene Schwächen. Manche nennen das Depri-HipHop.

Sierra Kidd: Wenn das manche so sehen, ist das okay. Ich schreibe ja traurige Texte. Aber ich habe auch viele hoffnungsvolle Songs. Und manchmal haue ich auf die Kacke.

In den Texten geht es auch darum, dass Sie jahrelang in der Schule gemobbt wurden. Wie kam es dazu? 

Sierra Kidd: Ich bin mit meiner Familie in einem etwas ärmeren Viertel von Emden aufgewachsen, ehe meine Mama ein Haus in einer besseren Gegend geerbt hat. Wir sind dann dahingezogen, damit wir Kinder es besser haben. Die anderen Jungs in der neuen Schule haben gemerkt, dass ich da nicht hingehöre. Ich rede anders und trage andere Klamotten als diese Schnöselkinder.

Einmal haben Sie sich von einem Mitschüler mit dessen Gipsarm absichtlich die Hand brechen lassen, um nicht auf den Schulhof zu müssen, wo die anderen Jungs warteten. Und Sie haben zwei Jahre quasi nicht das Haus verlassen. 

Sierra Kidd: Es waren sogar vier Jahre. Ich wollte den anderen Jungs bloß nicht begegnen. Über meine Probleme habe ich mit niemandem geredet. Wenn meine Freundin mit mir in die Stadt wollte, habe ich mir immer wieder andere Ausreden einfallen lassen. Den Lehrern war das größtenteils egal. Die wollten nur keinen Stress haben. Irgendwann hat meine Mutter mitbekommen, wie es mir wirklich geht.

Und zu Hause haben Sie die Musik für sich entdeckt. 

Sierra Kidd: Ich bin per Zufall auf meinem Rechner auf ein ganz normales Aufnahmeprogramm gestoßen. Damit habe ich über HipHop-Beats gerappt. Irgendwann habe ich die Musik auf Youtube gestellt.

Wie reagieren die Peiniger von einst auf den Erfolg? 

Sierra Kidd: Wenn ich sie treffe, gucken sie auf den Boden und sagen nichts. Einige haben sich bei mir entschuldigt. Sie haben erst durch meine Interviews erfahren, wie krass sie mich verletzt haben.

Welche Botschaft haben Sie an Mobbing-Opfer? 

Sierra Kidd: Man muss sich wehren. Wenn vier Leute auf einen draufgehen, muss man wie ein Irrer in sie reinlaufen. Das kann schlecht ausgehen. Aber erst wenn die anderen merken, dass man sich nicht alles gefallen lässt, werden sie einen in Ruhe lassen. Und man muss mit jemandem reden. Sonst gibt man sich selbst die Schuld. Ich habe lange gedacht, dass ich es verdient habe, weil ich nicht der megasympathischste und nicht der hübscheste Typ bin.

Gibt es eine große Party, wenn Sie am Samstag in Göttingen gewinnen?

Sierra Kidd: Ich bin schlau genug, um meine Chancen einschätzen zu können. Marteria wird das Rennen wohl machen. Aber ich freue mich, Teil des Ganzen zu sein. Ich habe den Song Contest immer mit meiner Familie gesehen. Jetzt stehe ich auf der Bühne. Allerdings muss ich mich nach meinem Auftritt ins Publikum setzen. Da ich erst 17 bin, darf ich nach 22 Uhr nicht mehr im TV zu sehen sein.

Von Matthias Lohr

Hier die Spotify-Playlist zum Song Contest

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