Roy Lichtenstein im Kölner Museum Ludwig: Verblüffende Neuschöpfungen berühmter Vorbilder

Raubzüge in der Kunstgeschichte

Lichtenstein, wie ihn wenige kennen: „Laocoon“ (1988) aus einer Privatsammlung. Fotos:  Museum Ludwig

Berlin. Der Pop-Artist und Picasso - passt denn das zusammen? Roy Lichtenstein, weltberühmt für Comic-Motive und Rasterpunkte, als Maler, der sich mit den Großen der Kunstgeschichte auseinandergesetzt hat? Dieses Arbeitsfeld des 1997 gestorbenen Künstlers ist nur wenig bekannt.

Deutschlands führende Adresse in Sachen Pop Art, das Kölner Museum Ludwig, richtet nun seinen Fokus auf diese andere Seite im Werk von Roy Lichtenstein. Schon seit Anfang der 60er-Jahre „benutze ich anstelle von Sujets, die als banal und alltäglich gelten, Motive, die als hohe Kunst angesehen werden“, erklärte der Künstler 1995. 100 Exponate - großformatige Bilder, aber auch Zeichnungen und Skulpturen - versammelt die Ausstellung unter dem Titel „Kunst als Motiv“.

Bei seiner Beschäftigung mit Expressionismus oder Minimal Art, mit Stillleben und Art déco, mit Kirchner, Léger, Mondrian oder Dalí ist Lichtenstein seinem bekannten Arbeitsprinzip des Paraphrasierens fremder Vorlagen treu geblieben. Mit den Mitteln der Pop Art hat er eine neue Sicht auf bekannte Motive ermöglicht. „In meiner Arbeit geht es nicht um Form, es geht ums Sehen“, erklärte der New Yorker.

Man sieht in Köln etwa eine verhalten farbige Laokoon-Gruppe auf Leinwand, findet gleich drei Ansichten von Monets Kathedrale von Rouen in Pop-Art-Farben und staunt über ein Magritte-Zitat, ein kopfloses Selbstporträt. Aus Carlo Carràs kleinem futuristischen Reiter von 1913 ist der ziemlich große „Red Horseman“ geworden, eine mit scharfen Linien gefasste Studie über die Bewegung. Ein Glas mit roten Fischen, das Lichtenstein bei Matisse gefunden hat, arrangierte er mit Zitronen, Blättern und einem überdimensionalen Golfball, einem Selbstzitat, zu einem Stillleben, das wie eine beunruhigende Versuchsanordnung wirkt.

Picasso, einer der großen Einflussgeber Lichtensteins, wurde „in meinen Pseudocomicstil übertragen“, wie es der Künstler selbst ausgedrückt hat. In den „Brushstrokes“, Bildern mit nichts als kräftigen, übergroßen Pinselstrichen, nimmt er dagegen den Abstrakten Expressionismus aufs Korn. Für das eher untypische „Tall Mountains“ von 1996 hat der Künstler seinen Blick auf die klassische Landschaftsmalerei Chinas gerichtet. Herausgekommen ist ein reduziert meditatives Rasterpunktebild mit Leerflächen, das mehr verschweigt als zeigt. Ein echtes Spätwerk.

Das Ergebnis von Lichtensteins Raubzügen durch die Kunstgeschichte, die er mit ausgeprägtem Kenntnisreichtum und großer Ausdauer antrat, ist immer Kunst über Kunst. Über die banale Reproduktion weit hinausgehend sind diese Arbeiten bis heute verblüffend einfallsreiche Neuschöpfungen, die nicht zuletzt dem Status der Erhabenheit von Hochkultur ein paar Kratzer zufügen. „Es hat mich gereizt, meinen Kommentar abzugeben“, erklärte der Motivverwerter lapidar.

Bis 3. Oktober, Tel. 0221/22126165, www.museum-ludwig.de Katalog (DuMont): 35 Euro

Von Ulrich Traub

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