Raus aus der Blase: Die Berlin-Biennale endeckt neue Standorte

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Plastikblumen treffen auf Pflanzenzeichnungen: Alberto Barayas Arbeit „Comparative Studies. Herbarium of Artificial Plants“ in den Vitrinen im ethnologischen Museum.

Berlin. Vor den Türen des Ausstellungsgebäudes Kunstwerke (KW) in Berlin Mitte lärmen die Baustellen für die aufzuhübschende Museumsinsel. Und auf der Videoleinwand im Ausstellungsraum frisst sich ein Schlagbohrer in schimmerndes Gestein.

Der Film des Künstlers David Zink Yi zeigt die Arbeit in einer peruanischen Silbermine. Dort drinnen und draußen in den Straßen Berlins geht es um mehr als zerschlagene Steine. Es geht um Ressourcen und Landnahme, Machtansprüche und Profit.

Die Verknüpfung zwischen globalen Phänomenen und den Veränderungen vor der Haustür ziehen sich als Motiv durch die 8. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, die noch bis August zu sehen ist. „Die Stadt entwickelt sich in eine interessante Richtung“, schreibt Kurator Juan A. Gaitán. „Ich begann mich zu fragen, inwieweit ihre Entwicklung eine umfassendere Tendenz in aller Welt widerspiegelt.“ Dieser nicht unbedingt neue Ansatz löst sich nur in den wenigsten Räumen der Kunstwerke ein. Zarte Pflanzenzeichnungen, sozialistisch-kubanische Astronauten und chinesische Fabrikarbeiter vermengen sich zum Globalisierungsallerlei.

Interessanter ist da schon die Idee, neue Kunst in den ethnologischen Museen in Dahlem zu zeigen und den Blick auf die Geschichten über Geschichte zu lenken. In den nächsten Jahren wird die dortige Sammlung ins auferstandene Stadtschloss abgezogen. Vielleicht zum letzten Mal schickt Gaitán sein Publikum zum Kunstschauen in den Berliner Villen-Westen.

Das ethnologische Museum ist in seiner Opulenz beeindruckend und in seiner Selbstsicherheit befremdlich. Hier gibt es noch feste Kategorien („Eskimos heute“, „Alte Indianerkunst“) und koloniale Vereinnahmungstendenzen. Ein paar zeitgenössische Fragen können auf keinen Fall schaden. Der Austausch funktioniert am besten, wenn sich der Blick auf das vermeintlich Exotische umkehrt. So hat documenta-12-Künstler Saadane Afif bei den Bergvölkern Ostasiens einen Miniaturbahnsteig aus Düren nachgebaut. „Heute ohne Halt in Wattenscheid“, sagt der Lautsprecher mit Blechstimme. Wer ist hier der kuriose Fremde?

Auch die Arbeiten von Wolfgang Tillmans und der d13-Künstlerin Mariana Castillo Deball sind eine aktualisierte Version des Artefakt-Gedankens. Doch zu oft bleiben die alte und die neue Kunst streng getrennt. Die berechtigte Frage, wer hier eigentlich über wen spricht, verhallt in den verwinkelten Hallen.

Erschöpft von diesen Eindrücken kann sich der Biennale-Besucher schließlich ins Haus am Waldsee zurückziehen, eine ehemalige Fabrikantenvilla, in der seit 1946 Kunst gezeigt wird. Auch hier sind Werke mit postkolonialem Hintergrund zu sehen, die jedoch in den herrschaftlichen Wohnzimmern eher gefällig wirken. Am Ende bleibt trotz einiger interessanter Arbeiten vor allem ein Gefühl von Austauschbarkeit. Immerhin ist man der Kunstblase in Berlin Mitte entkommen.

Bis zum 3. August in den Kunstwerken (KW), in den ethnoligischen Museen und im Haus am Waldsee in Berlin. www.berlinbiennale.de

Hintergrund Berlin-Biennale

Die Berlin Biennale findet zum 8. Mal statt. Die Kunstschau wurde 1998 unter anderem von Klaus Biesenbach ins Leben gerufen, der inzwischen Direktor des MoMA-Ablegers PS1 in New York ist. Unter anderem gehörten der Künstler Maurizio Catellan (2006) und der künstlerische Leiter der documenta 14 Adam Szymczyk (2008) zu den Kuratoren. Traditioneller Mittelpunkt der Ausstellung sind die Kunstwerke (KW), eine ehemalige Margarine-

fabrik in der Augustenstraße in Berlin-Mitte. In diesem Jahr wurde die Schau vom kanadisch-kolumbianischen Autor und Kurator Juan A. Gaitán konzipiert, der die ethnologischen Museen in Dahlem und das Haus am Waldsee im Südwesten Berlins einbezieht. (str)

Von Saskia Trebing

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