Der Psychologe Stephan Grünewald sucht Auswege für die „erschöpfte Gesellschaft“

Raus aus dem Hamsterrad

Stephan Grünewald

Unser Leben ist hektisch, überfrachtet, fremdbestimmt von Terminen, Leistungsdruck und Effizienzdiktaten. Bis aus besinnungsloser Betriebsamkeit eine beispiellose, bleierne Erschöpfung wird.

Der Psychologe Stephan Grünewald schildert die „erschöpfte Gesellschaft“ im gleichnamigen Buch anschaulich: Unruhe und Beschleunigung sorgen nur dafür, dass sich das Hamsterrad noch schneller dreht, ohne Pausen. Jeder kämpft mit um den „inoffiziellen Titel des Verausgabungsmeisters“.

Der Geschäftsführer des rheingold Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung will eine Menge: Erklären, wie es zur „Erschöpfungskonkurrenz“ und „daueraktiven Angespanntheit“ kommt, und vor allem Auswege aufzeigen. Als Quelle dienen ihm meist Tiefeninterviews seines Instituts.

Dabei packt der Psychotherapeut viel in knapp 200 Seiten, von der Liebe der Deutschen zum Baumarkt über die „digitalen Frondienste“ der neuen Medien und das veränderte Bild des Alters bis zur Bildungsdebatte. Manches bleibt an der Oberfläche, andererseits ist vieles redundant. Immer wieder fasst Grünewald seine Einsichten zusammen. Seine Analyse aber ist nachvollziehbar und brandaktuell.

Woher also kommt das Gefühl, einem „abstrakten Getriebe hilflos ausgeliefert zu sein“? Wir leben in unüberschaubaren, brüchigen Verhältnissen, sagt der Psychologe, und fürchten, jeden Moment ins Bodenlose stürzen zu können. Der Glauben an die „kapitalistische Maximierungskultur“ ist enttäuscht, die veränderte Arbeitswelt verlangt stets Flexibilität und Leistungsbereitschaft. Unsere hochtourige Lebensweise - auch „getrieben von der eigenen Lebensgier“ - ist, wenn der innere Kompass verloren ist, eine Flucht. Das Hamsterrad bietet die Sicherheit des Autopiloten.

Grünewalds Therapie klingt zuerst putzig: Wir sollten das Träumen wieder lernen, Träumen Raum geben, um Souveränität über den Alltag zurückzugewinnen. Träume, erläutert er, haben produktive Kraft, helfen, mit „Tagesresten“, Problemen, Enttäuschungen fertig zu werden, sie stehen für eine Rhythmik von Effizienz und Sinn, sind sinnvolles Abführmittel bei „seelischer Verdauungsstörung“, Korrektiv zur Betriebsblindheit des Tages.

Grünewald zitiert Egon Friedell: „Selig sind die Stunden der Untätigkeit, denn in diesen Stunden arbeitet unsere Seele.“ Also plädiert er für selbstvergessene Muße, um Kreativität zu fördern, für Momente schöpferischen Innehaltens: „Träumen, Zweifeln, Trauern, Altern, Studieren, Müßiggang, Langeweile, Genießen oder zielloses Umherschweifen.“

Stephan Grünewald: Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss. Campus, 188 S., 19,99 Euro, Wertung: !!!::

Von Mark-Christian von Busse

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