Max Raabe und sein Palastorchester begeisterten das Publikum in der ausverkauften Kasseler Stadthalle

Raus aus dem Schellack-Image

Höchster Unterhaltungswert: Max Raabe und sein Palastorchester. Foto: Malmus

Kassel. Die Scheinwerfer strahlen kräftiger als vor 80 Jahren, und die Ästhetik des Bühnendesigns wird heutzutage von moderner Technik dominiert. Den Sound steuert man schon seit einiger Zeit über Computer - doch alles andere ist bei Max Raabe und seinem Palastorchester Nostalgie pur.

In der ausverkauften Kasseler Stadthalle begeisterte der kühle Bariton mit dem trockenem Humor die Liebhaber mehrdeutiger Revuemusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich durch feine Bigband-Arrangements und freche Textzeilen auszeichnete.

Für den Gralshüter deutschsprachiger Musikhistorie ist dieses Jahr ein ganz besonderes, da er seinem Schellack-Image eine Frischzellenkur verordnete. Dies geschah in Form seines aktuellen Albums „Küssen kann man nicht alleine“. Zusammen mit der Produzentin und Popsängerin Annette Humpe entwickelte er eigenes Songmaterial, dass man zwar immer noch im alten Maybach spazieren fahren kann, aber auch bei der jüngeren Generation im MP3-Player seinen Platz findet.

Würde nicht das Textvokabular den Zeitbezug herstellen, könnte man auch Friedrich Hollaender als Komponist unter manchen Titel schreiben, und niemand würde darüber stolpern. Doch die dezent nuancierten Abweichungen in der harmonischen und inhaltlichen Gestaltung öffnen prompt die Schleusen in Richtung neudeutschem Chanson.

Also stichelte an diesem Abend „Der kleine grüne Kaktus“ munter zwischen der „Krise“ und der „Geheimen Mission“, und das exquisite Palastorchester sorgte für einen perfekten Rahmen. Dass Raabe bei seiner Moderation mit zwei Sätzen so witzig rüberkommt wie mancher Comedystar im Dauerbetrieb, hat sich herumgesprochen. Doch das in einem Wasserbehälter inszenierte Trompetensolo bei „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“ verblüffte manchen Zuschauer.

Alles wirkte so einfach, entspannt und selbstverständlich. Unaufgeregte Brillanz, die banale Schlagerware wie „Frauen brauchen immer einen Hausfreund“ oder „Ich wollt‘, ich wär ein Huhn“ in mitreißende Relikte einer Party-verliebten Ära verwandelte. Gerade die Liebe zum Detail und die choreografische Einbindung der Musiker veredelten das präsentierte Repertoire zu einem zeitdokumentarischen Event mit höchstem Unterhaltungswert.

Liebe, Diebe, Seitensprünge … und eines ist gewiss: Musik sorgt auch da für Licht, wo die Sonne nicht scheint. Nach mehreren Zugaben und dem fröhlich-skurrilen „Schlaflied“ verabschiedeten sich Raabe und seine Band unter großem Applaus in Richtung Lissabon.

Von Andreas Köthe

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