Tanztheater

Johannes Wieland und Chris Haring mit „Readymades“ in Kassel

Kassel. Das Mädchen hockt im Bühnenhintergrund, halbnackt, mit einem kleinen Lied auf den Lippen. Sehnsuchtsklänge. Die Reise in das Bacchanal ist beendet, überall erinnern weggeworfene Kleidungsstücke daran.

Wie keiner anderen Kunstform gelingt es dem zeitgenössischen Tanztheater immer wieder, die Aggregatzustände des modernen Menschen auszuloten, seine Seelenzustände in Bildern auszustellen: Körper erzählen vom ewigen Widerstreit zwischen Ordnung und Chaos, Rausch und Normalität, Individuum und Gruppe. So viele Träume sind darin verborgen. Im Kasseler Schauspielhaus widmen sich in der neuen Tanztheaterpremiere „Readymades“ zwei Stücke diesem Thema. Tanzdirektor Johannes Wieland hat dazu den angesehenen Wiener Choreografen Chris Haring eingeladen: Zwei Choreografien an einem Abend legen dann auch Schnittstellen bloß, vor allem aber eine eigene Handschrift.

Auf der weißen Bühne treiben in Harings „Lego Love“ die Tänzer in den grauen Kleidern (Kostüme: Stefanie Krimmel) zu einem Knäuel aus Körpern zusammen. Wie ein großes Monstrum atmet dieser Corpus, fließt, schmatzt, Münder saugen sich fest. Nähe als Droge. Im Rauschzustand rücken Tod und Leben eng zusammen. Harings Arbeit ist stark performativ, da entstehen bewegte Bilder und festgefrorene Figurengruppen, die auch an römische Plastiken und Grisaille-Reliefs erinnern.

Mit der Sound-Collage des Wiener Elektronikers Andreas Berger, der klassische Sequenzen verfremdet und zerstückelt, unterfüttert der Wiener Choreograf seine verblüffenden Brüche: Viktor I. Usovs Tanz mit sich selbst ist eine Selbstvergewisserung des Köpers zum knarzenden Geräusch des Soundbastlers. Und wenn Breanna O‘Mara sich am roten Haarschopf zieht und ein verfremdetes Marlene-Dietrich-Lied über vergangene Lieben erklingt, kann „Lego Love“ auch irrsinnig komisch sein. Eine Tanzperformace als sinnliches Theatererlebnis.

So viel Tanz war nie: Mit einer brillanten Leistung des hier durch Gastverträge aufgestockten 15-köpfigen Ensembles besticht das Eingangsstück „white noise tragedy“ von Johannes Wieland. Der in New York und Kassel arbeitende Choreograf umkreist in seinem 60-minütigen Stück das Gezähmte und Gefährliche im Menschen. Die Tänzer auf dem weißen, zuweilen in lila Licht getauchten Bühnenplateau agieren wie geklonte, vervielfältigte, fremdbestimmte Menschen. Roboterbewegungen von Lauren Rae Mace oder das Eingangssolo von Simone Deriu im Stil eines Kunstturners beherrschen das Bild, bevor zu den Heavy-Metal-Klängen von Donato Deliano das Kontrollierte einem wilden Naturzustand weicht.

Die Company mutiert zu einer Horde wilder Tiere, fauchend, mit aufgerissenen Mündern. Kaskaden von aggressiven Bewegungslinien ergießen sich über die Bühne, der ewige Kampf des Menschen gegen das Chaos in sich selbst. Maasa Sakano im fast waagerechten Bewegungsflug über dem Boden, gedrehte, gedrechselte Sprünge im Fallen, wunderbar, eine Parforce-Leistung des Ensembles. Im Ermatten dreht Annamari Keskinen einen Spiegel ins Publikum, Stroboskoplicht blendet. Wo finden wir uns selbst? Zum Schluss werden die weißen Kleider der Tänzer an herabgelassenen Haken in den Bühnenhimmel gezogen. Für beide Stücke stürmischer Applaus zum Premierenabend.

Wieder: 17., 24. und 26. April. Karten: 0561/1094-222.

Von Juliane Sattler

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