Joseph Roths „Die Legende vom heiligen Trinker“ im Rahmen der Kasseler Musiktage

Rausch der Verwandlung

Alle drei verkörpern die Hauptfigur: Lisa Wildmann (von links), Wolfgang Seidenberg und Ernst Konarek machten auch Clochard-Musik mit Posaune und Eimer. Foto: Malmus

Kassel. Wer Geld hat, möchte es sicher aufbewahren. Also geht der obdachlose Trinker Andreas, der unverhofft dazu gekommen ist, in einen Laden, um eine Brieftasche zu kaufen. Ein schönes Mädchen empfängt ihn. Ein Mädchen? Hier ist es ein ganzer Kerl, 194 Zentimeter groß. Der aus der Vorabendserie „Marienhof“ bekannte Schauspieler Wolfgang Seidenberg legt eine lustvolle Transvestiten-Nummer hin.

Geschmunzelt und gelacht im Publikum wurde im tif beim Gastspiel mit der Bühnenfassung von Joseph Roths Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“. Regisseurin Silvia Armbruster hat Roths eigentümliche Heiterkeit ernst genommen und zugespitzt - sie nennt es „auf dem Schmerz tanzen, der Katastrophe mit Witz begegnen“. Zugleich übermittelt sie viel vom ursprünglichen Jahrmarktzauber des Theaters: die Bühne als wunderbar unseriöser Ort, an dem sich Menschen verwandeln.

Nicht auf eine einzige Rolle festgelegt sind die Darsteller Ernst Konarek, Lisa Wildmann und Wolfgang Seidenberg. Alle drei verkörpern die Hauptfigur, mal gemeinsam, mal abwechselnd. Zusätzlich schlüpfen sie in verschiedenste Identitäten. Um bei Seidenberg zu bleiben: Er ist neben Andreas und der schönen Verkäuferin der geheimnisvolle Wohltäter, der dem Stadtstreicher zweihundert Francs zukommen lässt, oder dessen einstiger Schulbankgenosse, der es zum berühmten Fußballer gebracht hat.

Bravourös ist die Spielfreude des Trios, komisch, grell, lasziv, aber auch anrührend das Geschehen. Der Beitrag des Komponisten Robert Merdzo kommentiert es auf unprätentiöse Weise, etwa mit zugespielten Streicherklängen. Außerdem gibt’s eine scheppernd armselige Clochard-Musik der Darsteller mit Posaune, Melodica und Eimer. Reich beklatscht wurde die Aufführung im fast ausverkauften tif. Sie fand im Rahmen der Kasseler Musiktage statt, die offiziell am 28. Oktober starten. Was Roths Trinkergeschichte mit dem Festival zu tun hat? Das Stück passt prima zum diesjährigen Motto „Kreuzungen: Elend und Glanz“.

Weitere Termine: Mittwoch, 10. November, und Donnerstag, 11. November, jeweils 20.15 Uhr, tif. www.kasseler-musiktage.de

Von Georg Pepl

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