Real existierender Schrecken: Roger Willemsen über sein Jahr im Bundestag

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Berichtete über seine Erfahrungen mit dem Parlamentarismus: Roger Willemsen.

Kassel. „Was bitte soll das alles?“ - Gregor Gysis Frage kann als Motto über den Erfahrungen Roger Willemsens stehen, der ein Jahr lang die Debatten im Bundestag in Berlin von der Besuchertribüne aus verfolgte und die Erfahrungen in einem Buch festhielt.

Nicht die Inhalte waren es, was den Publizisten und Fernsehmann interessierte, sondern das Verhalten der Abgeordneten, ihr Umgang mit dem Willen des Volkes.

Am Sonntagabend kam Willemsen ins ausverkaufte Schauspielhaus. Zusammen mit der Schauspielerin Annette Schiedeck und dem Rundfunkjournalisten Jens-Uwe Krause zog er in einer szenischen Lesung die Essenz aus dem Jahr im Parlament. Das Ergebnis allerdings war über weite Strecken niederschmetternd. Das Taktieren, die Verwendung der immer gleichen Floskeln und Versatzstücke, missglückte Sätze und Formulierungen („rhetorische Laubsägearbeiten“), unfreiwillige Komik („Wir wollen Verkehr in jeder Form“), vor allem aber die oft festzustellende Arroganz gegenüber den „Menschen draußen im Lande“, von denen einst Helmut Kohl so gern sprach, öffneten Willemsen Abgründe.

Wenn Christian Lindner meint sagen zu müssen, dass man Armut nicht nur materiell sehe dürfe, wenn Kanzlerin Merkel die hohe Verantwortung bei Rüstungsexporten betont, und Gysi ihr vorrechnet, dass gerade einmal 0,5 Prozent der Anträge ablehnt werden, wenn die SPD nach der Wahl als Regierungsfraktion das rechtfertigt, was sie davor bekämpft hat, dann hat das böse Wort vom „Leichenschauhaus der Demokratie“ seine Berechtigung. Besondere Kritik erntete die Kanzlerin, deren gnadenlos sezierte Reden Willemsen als „Manifestation politischer Gestaltlosigkeit“ sieht.

Doch gab es auch Lichtblicke, die ernsthafte Aussprache nach Vorlage des NSU-Untersuchungsberichts etwa oder die engagierte Rede einer PDS-Abgeordneten für die Gleichberechnung der Renten in Ost und West.

Der Abend hatte einen hohen Unterhaltungswert durch die exquisite Rhetorik Willemsens und die Schrecken des real existierenden Parlamentarismus.

Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. S. Fischer, 400 S.,19,99 Euro.

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