Joyce Carol Oates’ Roman „Geheimnisse“

Wie aus Rebecca Hazel wurde

Joyce Carol Oates Foto:  dpa

Kreativitätskrisen kennt die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates nicht. Die 71-jährige Princeton-Professorin hat allein 60 Romane verfasst.

Ihrem neuen Wälzer hat sie eine Widmung vorangestellt: „Für meine Großmutter Blanche Morgenstern, die Tochter des Totengräbers.“ So erfährt man, dass die Eckpfeiler aus dem Lebensweg der Romanprotagonistin Rebecca mit der Vita von Oates’ Großmutter übereinstimmen.

Als junges Mädchen flieht Rebecca mit ihren jüdischen Eltern vor den Nazis. Ihr Vater, der einst Mathematiklehrer war, schlägt sich in den USA als Hilfsarbeiter auf einem Friedhof durch und sucht Trost im Alkohol. Die Familie zerbricht, und bei Oates endet die Tragödie in einem schrecklichen Blutrausch. Vater Jacob jagt seiner Frau und dann sich selbst eine Kugel in den Kopf.

Rebecca verliebt sich als Teenager in einen älteren Mann und erlebt auf grausame Weise die Wiederkehr der Gewalt. Die Beziehung eskaliert und wird von Rebecca nach einem Gewaltexzess beendet: „Schlug ihren Hinterkopf - wumm-wumm-wumm - gegen die Dielenbretter!“ Oates’ Gewaltszenen mögen nicht nach jedermanns Gusto sein, doch sie sind der Authentizität geschuldet und drückten Rebeccas Leben einen Stempel auf. So fasst sie den Entschluss, ein neues Leben zu beginnen. Von da an läuft Oates der Roman ein wenig aus dem Ruder. Aus Rebecca wird Hazel Jones, eine dauerlächelnde Amerikanerin mit „flottem Haarschnitt, knapp über den Augenbrauen gerade abgeschnitten“.

Was in „Geheimnisse“ mit Rebeccas Leidensweg so knallhart-authentisch begann, verliert sich nach dem Identitätswechsel in einem auf Harmonie bedachten Soap-Gesäusel. Eigentlich schade.

Joyce Carol Oates: Geheimnisse. S. Fischer, 671 Seiten, 24,95 Euro, Wertung: !!!::

Von Peter Mohr

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