Rebekka Bakken im Kulturzelt: Verruchte Leidenschaft

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Gab auf der Bühne alles: Sängerin und Komponistin Rebekka Bakken kam gut an.

Kassel. Konzertkritiker tun das, was Rebekka Bakken eigentlich verabscheut - Musik mit Worten zu beschreiben. Doch als Sängerin und Komponistin formt auch sie Sätze zu Inhalten und somit sitzen doch alle in einem Boot.

Manchmal zerschellt dieses Boot allerdings an den Klippen der Banalität oder aber man rudert sich in einen Rausch.

Ihr Auftritt im Kulturzelt Kassel lässt sich fast ausschließlich mit Begriffen beschreiben, die einem Künstler eher schmeicheln, als ihn zu desillusionieren. Feinfühlig, kraftvoll, elegant - die Songs ihrer aktuellen CD „September“ hat sich Bakken aus jenem edlen Country-Pop-Marmor gemeißelt, der auch von Stars wie Joni Mitchell oder LeAnn Rimes verwertet wird. Markante Merkmale dieser Inspirationsquelle sind die subtile Struktur, eine glatte Oberfläche und die sparsame Instrumentierung. Den Unterschied macht die Präsentation. Bakken steht nicht als Blumenmädchen oder Popdiva auf der Bühne.

Lasziv pendelte sie in Cowboyboots und transparentem Seidenkleidchen zwischen Flügel und Mikrofonständer hin und her und betörte mit intensiven Balladen und knackigem Bluesrock die voll besetzten Sitzreihen. Sie wählt ein leicht verruchtes, zerbrechliches Girlie-Image, um mit faszinierender Stimmgewalt Sehnsucht und Leidenschaft auch optisch in Szene zu setzen. Die Honky Tonk Woman vor der Jukebox einer amerikanischen Countrykneipe - abgefüllt mit Lebenserfahrungen aller Art. Dazu eine Band, die sich am Billardtisch genauso wohlfühlt wie beim Glas Rotwein auf der Veranda im Valley. Perfekte Spieldynamik, sparsame Soli und lebendig inszenierte Arrangements prägten die Beteiligung von Lars Danielsson (Bass), Mathias Leber (Keyboards), Börse Petersen-Överleier (Guitar) und Rune Arnesson (Drums) am Geschehen.

Zweimal durchtrennte man den roten Faden, der sich ansonsten stringent durch die nordamerikanische Neoromantik schlängelte. Mit einer eindrucksvollen Interpretation des norwegischen Volksliedes „De Himmelen“ bewies Bakken, dass sie auch auf weltmusikalischem Terrain bestens aufgestellt wäre. Und dass sie „Der Schnee draußen“ von dem österreichischen Liedermacher Ludwig Hirsch im Programm hatte, überraschte dann alle.

Man kann nur hoffen, dass sie die Distanz zur Beliebigkeit immer sensibel im Blickfeld behält. Popmusik ist manchmal eine böse Falle, die man erst bemerkt, wenn man in ihr feststeckt. Großer Applaus.

Von Andreas Köthe

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