„Angst“ bei den Salzburger Festspielen

Reden hilft

Zum Abtauchen: Elsie de Brauw als Anwaltsgattin. Foto: dpa

Salzburg. Das Leben ist so sorgen- wie abenteuerfrei. Doch die Kinder nerven, der Mann könnte leidenschaftlicher sein. Da kommt der junge Musiker gerade recht. Er kann andere Saiten der Frau zum Schwingen bringen. Wenn nicht die Angst vor Entdeckung wäre - die Fassade muss erhalten bleiben.

Deutlich gegenwärtiger als die Reichen-Schelte „Jedermann“ hat die Bühnenfassung der Stefan-Zweig-Novelle „Angst“ von Koen Tachelet bei den Salzburger Festspielen der bürgerlichen Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. Die tiefgründig-analytische Inszenierung Jossi Wielers - ab 2011/2012 Intendant der Staatsoper Stuttgart - erhielt im Landestheater freundlichen Applaus.

Besonders Elsie de Brauw überzeugte im zweistündigen Stück als Anwalts-Gattin Irene Wagner: eine Dame aus gutem Hause auf der Suche nach ihrem wahren Selbst. So gelöst sie anfangs in den Armen ihres Liebhabers liegt, so panisch fürchtet sie sich später vor dem Verlust ihrer Ordnung. Irene betrügt ihren Mann und verstrickt sich - von einer Erpresserin unter Druck gesetzt - in ein Netz aus Lügen und Verzweiflung. Diese ist eine von Irenes Mann engagierte Schauspielerin, mit der er seine Frau fast in den Selbstmord treibt.

Wieler hat die 1910 geschriebene Novelle ins Heute geholt und setzt auf die großen Beziehungsfragen: Die Unfähigkeit, Emotionen Ausdruck zu verleihen, Diskrepanz zwischen Leidenschaft und Geborgenheit, Alltag als Vernichter echter Nähe. Mit der Konzentration auf das Seelenleben wirkt das Drama immer noch glaubwürdig, hat aber mit seiner Aussage „Reden hilft“ etwas Ratgeber-Charakter.

Wie im echten Leben wird keine von Wielers Figuren klar durchschaubar. Und wie in einer guten Psychologiepraxis wird am Ende nicht die Schuldfrage gestellt, es geht um das „Was-lernen-wir-daraus“. Ehebruch als Aufbruch in ein wahrhaftigeres Leben. Zum Schluss erscheinen als Mahnung Junge im Anzug und Mädchen im Kleid als Abbild ihrer Eltern. Sie traktieren eine Puppe, emotionslos wie zuvor ihre Eltern sie. (dpa)

www.salzburgfestival.at

„Angst“, eine Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen, wird dort in der kommenden Saison übernommen.

Von Miriam Bandar

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