Redensarten erklärt: Die richtigen Worte zur rechten Zeit

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Zwei Mensch halten Kienspäne mit dem Mund: Holzschnitt, 16. Jahrhundert.

Kennen tut sie fast jeder. Doch wo kommen die allseits bekannten Redewendungen her? Ob man nun einen Schmarren versteht oder im Trüben fischt - wir erklären Redensarten und ihre Herkunft.

W wie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

Wenn jemand den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen kann, dann ist ihm der Überblick verloren gegangen. Die Redensart wird verwendet, wenn sich jemand so verzettelt hat, dass er nur noch einzelne Puzzlestücke eines Projekts sieht, aber nicht mehr erkennt, wie das Gesamtbild werden wird. So kann - um beim Beispiel zu bleiben - das Puzzle nicht gelöst werden. Die Redensart hat sich verbreitet durch den Dichter und Wegbereiter der deutschen Aufklärung Christoph Martin Wieland (1733-1813), der in seinem philosophischen Briefroman Aristipp (Kap. 163) über griechische Philosophen vermerkte: „Es ist als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten; sie suchen was ihnen vor der Nase liegt, und was sie bloß deswegen nicht finden, weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen.“ (fra)

F wie die Flinte ins Korn werfen

Die Herkunft dieser Redensart ist nicht schwer zu durchschauen. Viele Kriege im 17. und 18. Jahrhundert wurden mit Söldnerheeren geführt. Werber zogen umher, um junge Männer für den Kriegsdienst zu gewinnen. Und die ließen sich oftmals nicht nur durch den versprochenen Sold, sondern auch durch die Aussicht auf Beute anlocken. Außerdem galt das ausschweifende Soldatenleben als attraktiv. Die Kampfmoral der Söldner war allerdings oftmals gering, wenn sie nicht gerade zufällig ihre engere Heimat verteidigten. Sie kämpften nicht für eine vermeintlich gerechte Sache, sondern für Geld - und wollten möglichst überleben. Drohte daher eine Schlacht verloren zu gehen, machten sich viele Söldner rechtzeitig aus dem Staub. Sie entledigten sich ihrer Waffen - und warfen die Flinte ins Korn(feld).

Auch im heutigen Gebrauch bedeutet diese Redewendung mehr als einfaches Aufgeben. Man wirft dann die Flinte ins Korn, wenn man von der Aussichtslosigkeit einer Sache überzeugt ist. (w.f.)

M wie Maulaffen feilhalten

Kennen Sie Maulaffen? Das sind nicht etwa enge Verwandte

Zwei Mensch halten Kienspäne mit dem Mund: Holzschnitt, 16. Jahrhundert.

der Brüllaffen. Maulaffen sind überhaupt keine Tiere. Seit dem Mittelalter bezeichnete man damit die Halterungen für brennende Kienspäne. Die länglichen Holzstücke mit einem hohen Harzanteil, waren über Jahrhunderte die einzige Lichtquelle für die ärmere Bevölkerung, die sich keine Kerzen leisten konnte.

Wie genau das Feilbieten von Kienspanhalterungen die redensartliche Bedeutung „vor Staunen mit offenem Munde dastehen“ oder auch „dumm herumstehen, ohne etwas zu tun“ annahm, ist nicht endgültig geklärt. Möglicherweise spielt eine Rolle, dass es üblich war, brennende Kienspäne zwischen den Zähnen zu halten, um Licht und gleichzeitig die Hände frei zu haben. Dafür gibt es Bild-Belege.

Die Halterungen für Kienspäne bestanden oftmals aus Ton und waren rund geformt, so dass man darin andererseits auch Köpfe mit offen stehendem Mund erkennen mochte.  „Maulaffen feilhalten“ ist einebesondere Redensart, weil sie zwar von vielen noch verstanden wird, etwa in Texten. Aber kaum jemand benutzt die Redewendung heute noch in der gesprochenen Sprache. (w.f.)

S wie einen Schmarren verstehen

Um die Oscar-Gewinner Christoph Waltz und Michael Haneke beneiden die Deutschen gerade ihre österreichischen Nachbarn und fragen sich: Verstehen unsere Regisseure eigentlich nur einen Schmarren vom Filmemachen?

Dafür können sie den Cineasten aus der Alpenrepublik eine lange Nase drehen und behaupten: Die österreichische Redensart, einen Schmarren verstehen, habe ein Deutscher erfunden.

Googelt man nämlich die Begriffe Schmarren und Franz Beckenbauer, erhält man über 65.000 Ergebnisse und so treffende Zitate des Fußball-Kaisers wie: "Das ist der größte Schmarren aller Zeiten." Damit meinte die Legende des FC Bayern München 2003 die Golden-Goal-Regelung.

Gut, das war jetzt alles Schmarren. In Wirklichkeit gibt es zwei Erklärungen:

1. Schmarren bezieht sich auf die österreichischen und süddeutschen Süß-Mehlspeißen wie Kaiserschmarren, die beliebt aber auch günstig und alltäglich sind, weshalb das Wort ein Synonym für "wertlos" wurde.

2. Johann Christoph von Schmid listete in seinem "Schwäbischen Wörterbuch mit etymologischen und historischen Anmerkungen" bereits 1831 den Schmarrenmacher auf, der "über eine Sache viele Worte macht". Und da wären wir wieder bei Beckenbauer. (mal)

S wie Sockenschuss

"Einen Sockenschuss" hat jemand, der so wirkt, als wäre er nicht mehr ganz klar im Kopf, als spinne er ein bisschen. Die Redensart verknüpft dabei die zwei Enden des Körpers: Ein Ereignis am Fuß an der Socke hat Auswirkungen auf den Schädel - da muss also schon gehörig etwas im Unordnung sein. Das passt zur Herkunft des Begriffs aus der Hauswirtschaft. Mussten große Mengen Wäsche bewältigt werden, konnte man es nicht leisten, alle Sockenpaare nach dem Waschen wieder richtig zu sortieren. Mit einem Heftfaden wurden die einzelnen Strümpfe deshalb aneinander befestigt - das ist der Sockenschuss. Der Faden war extra so angebracht, dass er während des Waschvorgangs zwar stabil hielt, aber ganz leicht per Hand gelöst werden konnte. Einzelne Socken und ihr rätselhaftes Verschwinden in den Tiefen der Waschtrommel sind bis heute ein Thema beim Haushaltsmanagement. Und wer darauf achtgibt (heute oft mit einem Wäschebeutel statt des Heftfadens), hat gewiss keinen Sockenschuss. (fra)

T wie im Trüben fischen

Die Redewendung „im Trüben fischen“ klingt zwar bildhaft prägnant. Dennoch ist ihr Sinn zweifelhaft, da sie gerade einen Bedeutungswandel erfährt.

T wie im Trüben fischen

Ursprünglich war mit dieser Formulierung, die übrigens so ähnlich in vielen Sprachen exisitiert, gemeint, dass man aus einer unklaren Situation einen Vorteil zieht. So wie ein Fischer einem Fluss oder Teich das Wasser aufwirbelt, damit ihm die Fische leichter ins Netz gehen. So zum Beispiel im Schubert-Lied „Die Forelle“ auf ein Gedicht von Christian Friedrich Daniel Schubart. Dort macht der Angler „das Bächlein tückisch trübe“ - und prompt geht der Fisch an die Angel.

Das Wort tückisch deutet an, dass das Verhalten als unlauter angesehen wird. Heute wird die Formulierung „im Trüben fischen“ oft ganz anders verstanden - als Synonym für „im Dunkeln tappen“. So müssen im Krimi die Ermittler im Trüben fischen, ehe sie auf die entscheidenden Indizien stoßen. Der Unterschied beider Bedeutungen liegt nicht nur im Moralischen, sondern auch im Praktischen: Absichtsvolles Handeln steht gegen planloses Vorgehen. Welche Bedeutung gemeint ist, kann man nur aus dem Zusammenhang schließen. (w.f.)

K wie Krokodilstränen vergießen

Wenn Krokodilstränen vergossen werden, dann ist damit nicht gemeint, dass ein Reptil weint wie ein Mensch. Stattdessen meint diese Redewendung, dass jemand Trauer heuchelt und deshalb keine echten, sondern falsche Tränen vergießt.

Doch warum ausgerechnet Krokodilstränen? Können Krokodile überhaupt Tränen produzieren? Ja, sie können. Zwar sind es keine Tränen im menschlichen Sinne, die Krokodile produzieren. Aber beim Fressen sondern ihre Augen ein Sekret ab, das durch den Druck des Maulaufreißens aus einer Drüse hinter den Augen quillt. Dafür, dass die Tränen der Krokodile geheuchelt seien, gibt es mehrere Begründungen.

Im alten Rom war die Legende verbreitet, Krokodile trauerten um ihre Beute - während sie sich dieselbe gerade schmecken ließen. Von den Kreuzrittern wurde im Mittelalter in Europa verbreitet, Krokodile lockten Beute an, indem sie wie kleine Kinder weinten. Ein Zeichen dafür, wie unheimlich diese Tiere den Rittern gewesen sein müssen. (w.f.)

H wie am Hungertuch nagen

Wer am Hungertuch nagt, hat nach der gängigen Redewendung wenig zu essen, ist arm oder leidet Not. Doch was ist ein Hungertuch? Wie viele unserer Redewendungen, hat auch diese mit einem alten christlichen Brauch zu tun. Als Hungertuch wird das Fastentuch bezeichnet, mit dem seit dem Mittelalter in vielen Kirchen vom Aschermittwoch bis zum Karsamstag, also in der Fastenzeit, der Altarraum verhängt wurde. Andere Bezeichnungen für das Hungertuch sind auch Passionstuch oder Schmachtlappen. Solange das Hungertuch oder Fastentuch hing, konnte die Gemeinde die Messe nur hörend verfolgen.

Vom Symbolgehalt erinnert das Tuch an den Vorhang im alten jüdischen Tempel, der dem Matthäusevangelium zufolge beim Kreuzestod Jesu in zwei Stücke zerriss. Die Hungertücher wurden ab dem 13. Jahrhundert immer aufwändiger durch Stickereien und durch Malereien verziert - meist mit Motiven der Passion Christi.

Aus der gemeinsamen Arbeit entstand im 16. Jahrhundert die Redewendung „am Hungertuch nähen“. Offenbar kam es irgendwann zu einer Buchstabenverwechslung, so dass daraus die Redensart „am Hungertuch nagen“ mit der dann entsprechend veränderten Bedeutung entstand. (w.f)

D wie Durchhecheln

Wer heute etwas durchhechelt, ist am Lästern oder Tratschen. Eine Person und ihr Tun werden beileibe nicht mit den edelsten Absichten - in allen Aspekten erörtert, Begebenheiten bis in kleinste Details erzählerisch nachvollzogen, der Grundton ist abwertend und spöttisch. Man hechelt ein Thema oder eine Person durch. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Flachsverarbeitung. Flachs ist die Faser des Gemeinen Leins, einer Pflanze, die als Grundstoff der Textilherstellung (Leinen) genutzt wird. Daraus die verwendbaren Fasern zu gewinnen, ist sehr aufwändig. Die Pflanzenstiele werden geröstet und gebrochen, dann werden die Fasern gereinigt. Das geschieht mit Hilfe einer Hechel. Das traditionelle Werkzeug sieht ähnlich aus wie ein Kamm. Die Pflanzenfasern werden durch Zinken gezogen, dabei werden nicht brauchbare Bestandteile entfernt (das nennt man Werg), die Fasern werden parallelisiert. Anschließend geht es dann zum Spinnen, dort werden die Fasern zu möglichst langen Fäden gemacht. Schließlich folgt das Weben. (fra)

H wie Haare auf den Zähnen haben

Nun reden alle über den Fußballtrainer Jürgen Klopp. Nicht nur weil seine Dortmunder Borussia in das Halbfinale der Champions League eingezogen ist, sondern auch weil investigative Reporter herausgefunden haben, dass der Coach sich Haare auf den Kopf hat transplantieren lassen.

Vielleicht rühren Klopps Geheimratsecken aus dem Umstand, dass er sich nach vergebenen Torchancen die Haare rauft. Diese Redensart ist einfach zu erklären. Es scheint ein Erbe der Evolution zu sein, dass wir uns in Schrecksekunden über den Kopf fahren. Interessanter ist die Redewendung, jemand (vor allem eine weibliche Person) habe Haare auf den Zähnen. Man sagt damit, dass sich jemand gut behaupten kann.

Haare standen einst für Stärke, wie es schon in Grimms Wörterbuch heißt: „Völler Haarwuchs an Kopf und Bart ist Zeichen der Kraft, und als Mann wird im deutschen Rechte der erkannt, der Haare am Bart, unter den Armen und an den Schamteilen hat.“ Heute rasieren sich alle selbst an Stellen, von denen hier nicht die Rede sein soll.

Die Häme über seine Haartransplantation wird der wehrhafte und nicht auf den Mund gefallene Klopp übrigens sicher überstehen. Er hat ja auch Haare auf den Zähnen. (mal)

H wie sich in die Höhle des Löwen wagen

Es gehört eine Menge Mut dazu, sich in die Höhle des Löwen zu wagen. Was ja nichts anderes heißt, als aus freien Stücken einem gefährlichen oder sogar übermächtigen Gegner gegenüberzutreten. Wenn man sich den Ursprung dieser Redensart ansieht, dann könnte man glauben, dass es zwar von Mut zeugt, die Höhle eines Löwen zu betreten, aber auch von Dummheit.

So schildert es der griechische Fabeldichter Äsop um 600 vor Christus in seiner Geschichte vom alten Löwen und vom Fuchs. Dem alten Löwen war die Jagd zu anstrengend geworden, deshalb ersann er eine List: Er werde bald sterben, verkündete der König der Tiere, und er erwarte, dass seine Untertanen zu ihm kämen, um sich zu verabschieden. Der Fuchs aber, der auch gekommen war, sah, dass viele Spuren in die Höhle des Löwen hineinführten, aber keine wieder hinaus. Die Lehre daraus: Mut ist eine Sache, Schlauheit schadet aber auch nicht. (w.f.)

B wie ein Buch mit sieben Siegeln

Anlässlich des heutigen Welttages des Buches wollten wir die Formel vorstellen, was ein Buch zum Bestseller macht. Nur leider kennt die niemand. Nicht einmal die größten Literaturkritiker des Landes haben beispielsweise den Erfolg von Jonas Jonassons Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ vorausgesehen. Der Erfolg in der Literatur ist ein Buch mit sieben Siegeln – also nur sehr schwer verständlich.

Die Redewendung wiederum stammt aus dem Buch der Bücher, genauer gesagt aus der Johannes-Offenbarung im Neuen Testament. Dort wird erzählt, wie Jesus die sieben Siegel einer Buchrolle öffnet, ehe es zur Apokalypse kommt. Der Seher hingegen, der auf den Weltuntergang schaut, beginnt bereits zu weinen, als er das verschlossene Buch sieht: Er glaubt, der Inhalt bleibe für ihn verborgen. Schon im Alten Testament übrigens war die Sieben eine besondere Zahl (etwa bei den sieben Schöpfungstagen). (mal)

B wie das Blaue vom Himmel versprechen

Diese Redewendung gibt es in zwei Versionen. Neben "das Blaue vom Himmel versprechen" sagt man auch "das Blaue vom Himmel herunterlügen". Beide Formulierungen meinen dasselbe. Es geht um Versprechungen, die nicht eingehalten werden. Wichtig ist dabei die Täuschungsabsicht. Die Herkunft der Redewendung ist nicht ganz leicht zu bestimmen. Sicher ist, dass zwei Eigenschaften, die der Farbe Blau zugeschrieben werden, dabei eine Rolle spielen. Blau gilt sowohl als Farbe der Täuschung als auch als Farbe der Weite. Beides spielt auch in der Redewendung "sein blaues Wunder erleben" eine Rolle. Ob es nun die Weite ist, die unliebsame Überraschungen bereit hält, oder ob ein begabter Lügner gemeint ist, der einem vormachen kann, der Himmel sei gar nicht blau, ist umstritten. Sicher ist dagegen, dass die Redewendung im Zusammenhang mit dem eben geschlossenen Koalitionsvertrag gerade einen Boom erlebt. (w.f.)

I wie Im Stich lassen

Wer beim Kartenspiel stechen kann, zum Beispiel beim Doppelkopf, womöglich mit der Folge, dass der Mitspieler gar keinen Stich bekommt, versetzt ihm zwar vielleicht einen Stich, lässt ihn aber nicht im Stich. Denn jemanden im Stich zu lassen, dabei handelt es sich meist um eine Notsituation oder Gefahr, in der der andere allein und seinem Schicksal überlassen wird.

Zwei Teilnehmer des traditionellen Fischerstechens kämpfen auf der Regnitz in Bamberg (Oberfranken).

Alle diese Redewendungen, die im 15. Jahrhundert erstmals auftauchen, stammen ursprünglich zwar nicht vom Kartenspiel, aber tatsächlich von einem Wettbewerb, nämlich vom mittelalterlichen Ritterturnier: Wer im Kampf seinem Gefährten von der Seite wich, ließ ihn „im Stich“ des Gegners - also in der Gefahr allein. In bürgerlichen Turnieren und Kampfspielen wurde der ritterliche Wettstreit nachgeahmt. Noch heute lockt das Fischerstechen in Ulm oder Bamberg zigtausende Zuschauer. Dabei gilt es, das Gegenüber mit einer Lanze vom Boot ins Wasser zu befördern. Auch im Springreiten werden Turniere oft durch ein Stechen beendet. Hieb- und stichfest ist meist auch die Abstimmung bei einer Stichwahl. (vbs)

W wie jemandem steht das Wasser bis zum Hals

Angesichts der schlimmen und traurigen Schicksale der Menschen, die in den Flutkatastrophen an Elbe und Donau in diesen Tagen ihr Hab und Gut verlieren und in Not geraten, rückt bei der Redensart "Jemandem steht das Wasser bis zum Hals" etwas aus dem Blick, in welchem Zusammenhang die Formulierung in der Regel verwendet wird.

Sie bezieht sich nämlich zumeist auf finanzielle Bedrängnis, zum Beispiel bei Firmen. Dass dafür das Bild des Wassers verwendet wird, zeigt, wie bedrohlich und wenig beherrschbar es gesehen wird. Barockdichter Daniel Casper von Lohenstein (1635 - 1683) verwendet in seinem Roman "Arminius" den Ausdruck: "Das Wasser gienge der deutschen Freyheit in Mund".

Das passt zu der Verschärfung, die das Sprachbild in den letzten Jahren erlebt hat: Es hat sich die Formulierung "jemandem steht das Wasser bis Oberkante Unterlippe" eingebürgert - vom Hals ist die Brühe also noch einige Zentimeter nach oben gewandert. Man kann den Flutbetroffenen nur von Herzen wünschen, dass es ihnen so nicht ergeht. (fra)

M wie da beißt die Maus keinen Faden ab

Die Redensart "Da beißt die Maus keinen Faden ab" bedeutet, eine Angelegenheit ist unabänderlich, dagegen ist nichts zu machen. Heute wissen gerade Stadtmenschen oft nicht mehr, dass diese Redensart von ihrer Herkunft her ganz buchstäblich zu betrachten ist. In altertümlichen Mausefallen wird das Tierchen mit einer Drahtschlinge getötet, die sich um ihren Hals zuzieht. Diese wurde mit einem Faden gespannt. Will die Maus den ausgelegten Köder erreichen, sich also am Speck oder am Käse gütlich tun, musste sie den Faden abbeißen, der dummerweise direkt durch die Drahtschlinge geführt worden war. Eine andere Herkunftserklärung führt in die Fabelwelt von Äsop. In "Der Löwe und das Mäuschen" rettet der Nager das Raubtier aus Dankbarkeit aus einer Netzfalle, in dem sie die Fäden zernagt. (fra)

Etwas hängt auf halb acht

In der Redensart "etwas hängt auf halb acht" (etwa die Hose) ist der Vergleich mit einer bestimmten Position gemeint. Ob sich der Ursprung der Redewendung jedoch in der Schifffahrt oder in der Zahlenmythologie finden lässt, ist nicht eindeutig geklärt. "Auf halb acht" könnte die verkürzte Form von "Halb-Achtern" sein. Achtern bezeichnet ein Schiff oder ein Boot von der Mitte bis zum Heck. Achtern ist alles, was auf einem Wasserfahrzeug achterlicher also hinter der Mitte liegt (vorn ist der Bug, hinten das Heck). Achtern ist eine Ableitung zu achter, das aus dem Niederdeutschen stammt und dem englischen after ("hinter") entspricht. Hängt etwas also halb, so ist es kurz vorm hinten runterrutschen. Uhrzeiten werden oft als Metatpher benutzt (fünf vor zwölf) und schlagen sich im Laufe der Zeit in Redewendungen nieder. Die Bedeutung der flapsigen Bemerkung "deine Hose hängt auf halb acht" könnte sich jedoch auch lediglich auf die Position der Zeiger für diese Uhrzeit, nämlich schräg unten, beziehen. (sur)

S wie ein Schlitzohr sein

Wer heute als Schlitzohr bezeichnet wird, hat meist zwei unversehrte Ohrmuscheln. Ein Schlitzohr in der milden Form ist jemand, der etwas durchtrieben ist, dem man aber darob nicht wirklich böse sein kann. Aber auch für handfeste Betrüger wird die Bezeichnung etwas verharmlosend verwendet. In früheren Zeiten hatte ein Schlitzohr tatsächlich ein aufgeschlitztes Ohr. Dabei handelte es sich um eine Ehrenstrafe. Die Überlieferung, wem eine solche Strafe drohte, ist uneinheitlich. So sollen Betrüger geschlitzt worden sein, etwa Bäcker, deren Brote nicht das vorgeschriebene Gewicht hatten. Andere Quellen besagen, dass aus ihrer Zunft ausgestoßene Handwerker bestraft wurden, indem man ihnen den Ohrring, der sie als Zunftmitglieder auswies, herausriss. Das so bestrafte Schlitzohr war für jedermann als Betrüger erkennbar und somit seiner bürgerlichen Existenz beraubt. Ein Schlitzohr konnte noch Söldner werden, meist aber musste ein derartig Gezeichneter als Landstreicher sein Dasein fristen. Resozialisierung war in der frühen Neuzeit noch kein Thema. (w.f.)

Diese Liste wird fortgesetzt.

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