„Innen Stadt Außen“: Der Däne Olafur Eliasson stellt im Berliner Martin-Gropius-Bau aus

Reflexion und Reflektion

„New Berlin Sphere, 2009“: Olafur Eliasson zeigt in seiner ersten Berliner Einzelausstellung eigens für den Gropius-Bau geschaffene Arbeiten. Foto: Ziehe/neugerriemschneider, Berlin/nh

Berlin. Schon von Weitem bietet sich ein ungewohntes Bild. Aus einem Fenster im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus dringt Rauch. Kein Notfall. Der Dampf kommt aus einem Aluminiumrohr, das wie ein Auspuff die schwülen Dünste in den Stadtraum leitet. „Innen Stadt Außen“, so nennt der dänische Künstler isländischer Herkunft, der in einem Atelier am Berliner Pfefferberg mit 35 Mitarbeitern seine Werke entwirft, auch die Schau.

Mit ihr untersucht der 43-Jährige die Geschichte des Ortes und die Bedeutung des Museums. „Wie weit tragen die Leute ihre Erwartungen ins Museum rein? Wie weit lassen sie ihr Sehen beeinflussen? Schalten sie beim Reingehen den Außenraum ab und sagen: Ich bin in Disneyland? Oder könnte man die Ausstellung auch als ein Mikroskop verstehen, wo grundsätzliche Fragen gestellt werden in Zusammenhang mit der Umgebung?“

Genau diesen seinen Äußerungen spürt Eliasson nach. Im Vorfeld verteilte er unauffällig Treibholz im Stadtraum, stellte Fahrräder mit Spiegeln an den Reifen ab. Womit er die Frage nahelegt: Ist das nun Kunst, oder ist eigentlich alles Kunst, was Natur und Zivilisation zu bieten haben? Vielleicht sollten wir die Natur mehr schätzen? Auch im Museum lässt der Künstler den Betrachter in den Spiegel der Selbst-Erkenntnis blicken.

Im Lichthof fährt er großes Geschütz auf, ähnlich wie in London und New York. Hier wurde ein 20 Meter hoher Spiegelkubus errichtet, der die Lichtdecke wie in einer sechseckigen Röhre, einem Kaleidoskop bricht und in die Unendlichkeit fortschreibt. Es ist schwer, sich zu orten in dieser gigantischen „Mikroskop“-Installation. So wird der Besucher, der hier gewissermaßen Sezier-Objekt ist, auch selbst zum Forscher.

Die große Geste und die perfekte Konstruktion sind ebenso charakteristisch für diesen Künstler-Konstrukteur wie die Poesie und die glasklare Romantik seiner Erfindungen. Am Eingang taucht er den Besucher in dichten Nebel, der mit jedem Schritt seine Farbigkeit ändert. Auf Orientierungssuche tastet man sich durch drei Räume. Umgeben von nichts als Licht, das Farbe spürbar macht, zum kollektiven Erlebnis wird.

„Your blind movement“ ist mehr als technische Spielerei. Wenn Halogenlampen gestaffelte Schattenwürfe erzeugen oder Wassertropfen im Stroboskoplicht glitzern, fehlt die Kraft, wie sie die Eingangsräume vermitteln. Immer, wenn Reflexion und Reflektion einander beflügeln, wirken Eliassons Arbeiten besonders stark.

In der Spiegelinstallation „The curious museum“ etwa, die die Außenwelt der Museumsfassade nach innen holt. Der Rest ist Wiederholung und Variation der Grundidee: Naturphänomene mehr oder weniger spektakulär künstlich zu erzeugen. Gepaart mit gesellschaftspolitischer Relevanz, führt der Eventcharakter dieser Kunst unversehens zum Wesentlichen.

Bis 9.8., Niederkirchnerstraße 7. www.gropiusbau.de

Von Andrea Hilgenstock

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.