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Regime der Angst: Wie bei einer Zeitung in der DDR gearbeitet wurde

Das Cover der besprochenen Studie.

Neubrandenburg. Die Aufarbeitung der Stasi-Hinterlassenschaften führt zu einer Reihe spannender Publikationen. Der „Nordkurier“, die Regionalzeitung in Neubrandenburg, zählt zu den wenigen der früheren 15 SED-Tageszeitungen, die ihre beschämende Vergangenheit offengelegt haben.

Anlass ist das 60-jährige Bestehen - und nach 20 Jahren, in denen man so tat, als habe es einen „Betrug an Lesern und Kollegen“ nie gegeben.

Den beschreibt Christiane Baumann in einer gut lesbaren, differenzierten, reich bebilderten Studie. Die ersten 38 Jahre der zuerst in Neustrelitz ansässigen „Freie Erde“ verliefen, so ihr Fazit, „in straffer SED-Regie“. Die DDR-Presse war ein Kind des Stalinismus, der Journalismus, oft von strafversetzten Neulingen und Quereinsteigern betrieben, verkümmerte. Ja, sein klassisches Ideal des unabhängigen, kritischen Beobachtens verkehrte sich geradezu in sein Gegenteil.

Fast 90 Prozent der Druckkapazitäten im Land waren direkt der SED unterstellt. Pressearbeit war Parteiarbeit, die Redakteure waren SED-Mitglieder, von denen ideologische Verlässlichkeit, die Verkündigung der jeweiligen „Linie“, Schönfärberei, Vereinfachung, Halbwahrheiten gefordert waren - bis hin zur Hetze und offenen Diffamierung.

Der Chefredakteur war jeweils Mitglied der SED-Bezirksleitung, über Leitungskader für Redaktion und Druckerei beschloss die Abteilung Agitation im Zentralkomitee der SED.

1986 war jeder vierte Journalist der Zentralredaktion inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. In der Neubrandenburger Lokalredaktion berichteten drei von vier Redakteuren als IM der Stasi. Am 4. Dezember 1989 standen dann auf einmal 6000 Demonstranten vor dem Gebäude der „Freien Erde“ und forderten Pressefreiheit. Baumann schildert, wie die Redaktion bis dahin mit heiklen Themen wie der Kollektivierung (Jungredakteure wurden als Agitatoren aufs Land geschickt), Versorgungsmängeln, Doping, Gewalttaten von Sowjetsoldaten umging (oder besser: sie verschwieg), sie erklärt die Rolle der Pressefeste (1972 wurden extra 24 Tonnen Bananen und 800 Kilogramm Aal bereitgehalten), und sie geht einzelnen Schicksalen nach, berichtet abenteuerliche Details, gerade über das „gutorganisierte Netz an geheimen Zuträgern und Informanten“.

Journalisten dienten sich der Stasi als eine Art Horchposten in der Leserschaft an. „Volkskorrespondenten“, freie Mitarbeiter, sollten die „Machtausübung der Arbeiterklassen“ garantieren. Kritische Leserreaktionen wurden der Stasi gemeldet. Ein extremer Fall: Eine 65-Jährige, die in einem Leserbrief offen Kritik übte, wurde 1956/57 wegen „staatsgefährdender Hetze“ zu 18 Monaten Haft verurteilt, die sie in der Psychiatrie absaß.

Protestschreiben gegen Wolf Biermann nach dessen Ausbürgerung schrieben die Redakteure gleich selbst. Theaterrezensenten notierten bei den Anklamer Aufführungen von Regisseur Frank Castorf, der später an der Berliner Volksbühne berühmt werden sollte, die Kennzeichen von Berliner Premierengästen. Das Misstrauen der Partei konnte bei außerehelichen Affären oder zu viel Alkohol aber auch die Journalisten selbst treffen. Wer etwa Westverwandte zur Hochzeit seiner Kinder einlud, konnte aus der Freie-Erde-Redaktion schon mal versetzt werden, so geschah es einem Journalisten, der im Interhotel „Vier Tore“ unterkam. Und dort weiterspitzelte. Insofern führte nicht nur die SED, sondern immer auch die nackte Angst vor der eigenen Erpressbarkeit Regie.

Christiane Baumann: Die Zeitung „Freie Erde“ (1952 bis 1990). Kader, Themen, Hintergründe. Beschreibung eines SED-Bezirksorgans. Hrsg. von der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Schwerin, 180 Seiten, Schutzgebühr 6 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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