Ab Donnerstag in den Kinos

Regisseur Fatih Akin thematisiert in „The Cut“ Völkermord an Armeniern

Riskiert den Konflikt mit offizieller türkischer Politik und rechtsradikalen Türken: Filmemacher Fatih Akin (41). Foto: Pandorafilm/nh

Kassel/Ankara. Eine Frau pöbelt auf der Gasse drei Männer an, provoziert sie immer weiter – bis sie angreifen. Die Frau lässt sich zusammenschlagen, schwer verletzt macht sie immer noch weiter mit der Anstachelei. Bis einer der Männer durchknallt und sein Messer zückt. Und plötzlich wirkt die Frau – blutend, hilflos, ganz und gar am Ende – fast erleichtert, erlöst.

Fatih Akin hat in seinem filmischen Werk eine Reihe solcher Szenen geschaffen, die sich beim Zuschauen tief einprägen. Zum Glück sind nicht alle so verstörend wie diese mit Sibel Kekilli als Sibel auf den Gassen Istanbuls im Film „Gegen die Wand“. Akin bringt darin seine beiden Protagonisten komplett bis ans Ende – psychisch und physisch. Erst dann können sie – vielleicht – einen Ausweg aus ihrem Leid finden.

Der deutsche Filmemacher mit türkischen Wurzeln hat für „Gegen die Wand“ den wichtigsten Preis der Berlinale 2004 bekommen, den Goldenen Bären, es folgten der Deutsche und der Europäische Filmpreis. Es war der internationale Durchbruch für seine Karriere, obwohl er schon vorher mit „Solino“ und „Im Juli“ vielbeachtete Regiearbeiten vorgelegt hatte.

Sein Armenier-Film „The Cut“ wird nun auch international für Aufsehen sorgen – wie bereits bei der Premiere auf den Filmfestspielen in Venedig. Akin hat gesagt, die Türkei sei jetzt reif für diesen Film. Ursprünglich hatte der Hamburger einen Film über den armenischen Journalisten Hrant Dink drehen wollen, der 2007 von Extremisten erschossen worden war. Aber er hat keinen Türken gefunden, der bereit war, die Hauptrolle zu spielen.

Als Sohn türkischer Einwanderer von der Schwarzmeerküste 1973 in Hamburg geboren, steht Fatih Akin für eine Migrantengeneration, die deutsche und Herkunftswurzeln selbstverständlich zusammenbringt. In seinem filmischen Werk spiegelt er immer wieder genau diese Welt, gibt ihr im Kino den notwendigen Raum. Und wenn bei der Preisverleihung für „Gegen die Wand“ in Berlin der Journalist einer überregionalen Zeitung ernsthaft fragt (und Akin damit schier zum Ausrasten bringt), wann Akin mal mit „deutschen Darstellern“ drehe, wird deutlich, wie weit die Bundesrepublik noch von einer Realität entfernt ist, in der Namen wie Birol Ünel und Sibel Kekilli als deutsche Normalität empfunden werden – so heißen die Hauptdarsteller von „Gegen die Wand“.

Akin kam nach Experimenten mit der Super-8-Kamera, Jobs bei einer Filmproduktionsfirma und einem Studium der Visuellen Kommunikation zum Filmemachen. Sein Spielfilmdebüt war 1998 der Krimi „Kurz und schmerzlos“, der im Milieu einer türkisch-serbischen Gang in Altona spielt.

Weitere Filmerfolge waren „Auf der anderen Seite“, „Chiko“ (als Produzent), „Soul Kitchen“ und Dokumentarfilme. „Crossing The Bridge“ porträtiert die Musikszene Istanbuls von Schlager bis HipHop, „Müll im Garten Eden“ berichtet über eine gefährliche Deponie und den Widerstand gegen ihren Bau im türkischen Dorf Camburnu, aus dem seine Großeltern stammen.

Der 41-Jährige arbeitet seit 2004 in seiner eigenen Produktionsfirma Corazon International. Er war Jurymitglied beim Filmfestival in Cannes und hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Akin lebt mit Frau und Sohn in Hamburg-Ottensen.

Von Bettina Fraschke

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