TV-Drama „Nacht über Berlin“

Regisseur Fromm: „Zivilcourage hat ihren Preis“

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Im Zwiespalt: Albert (Jan Josef Liefers) und Henny (Anna Loos) sind fassunglos über die politische Lage.

Regisseur Friedemann Fromm beleuchtet in seinem Film „Nacht über Berlin“ die Zeit vor der Machtergreifung von Adolf Hitler. In dem Drama lernt der jüdischen SPD-Abgeordnete Albert (Jan Josef Liefers) Anfang der 30er-Jahre die lebenslustige Sängerin Henny (Anna Loos) kennen und lieben.

Doch doch die Liebe der beiden gerät in den verhängnisvollen Strudel der historischen Ereignisse. Wir haben mit Friedemann Fromm über die Vorbereitungen zum Film und über das Thema Zivilcourage gesprochen.

Herr Fromm. wie groß war die Herausforderung, die Zeit Anfang der 30er-Jahre so realistisch darzustellen?

Friedemann Fromm: Die war groß. Unser Anspruch war vor allem, das Leben in den Straßen zu erzählen, auch die aufkommende Gewalt im öffentlichen Raum.

Wieviel Vorbereitung war nötig?

Fromm: Wir haben natürlich sehr, sehr früh angefangen. Die größte Frage war, wo wir die Außenmotive drehen. Als wir geklärt hatten, dass wir in Babelsberg drehen können, da ist uns natürlich ein Stein vom Herzen gefallen, da wir uns da viel freier bewegen können. Dann mussten wir Drehorte für den Außen- und Innendreh vom Reichstag finden. Das hat uns bis kurz vor Drehbeginn beschäftigt.

Wie wurde der Reichstag dargestellt?

Fromm: Der Reichstag außen ist fast komplett im Computer entstanden, da gibt es nur zwei Ecken, die real gebaut worden sind. Der Plenarsaal innen ist auch eine Mischung aus Bau und Computer.

Wie haben Sie sich als Regisseur auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Fromm: Man versucht, ein Gefühl für die Zeit zu bekommen. Dazu gehört viel Recherche, viel lesen. Man versucht mit Zeitzeugen, zu reden, aber das sind natürlich Menschen, die damals eher noch jung waren. Mir hilft es immer viel, wenn ich mal Requisiten in die Hand nehmen kann. Filmausschnitte, Fotos, Tagebücher anschauen. Das fängt an, in einem zu arbeiten. Dann ist es wie bei jedem anderem Film auch: Dass man sich in die Figuren und die Geschichte einfühlt und ein Konzept dafür entwickelt.

Können Sie nach den Dreharbeiten abschalten oder hat man weiterhin das Gefühl, in dieser Zeit zu sein?

Fromm: Das nicht, aber ich nehme das natürlich mit. Man träumt von dem Film, man schläft damit ein, man wacht damit auf. Ich habe Kinder, und das hilft einem total, dass die einen da immer wieder rausreißen. Aber das gibt man nicht um fünf abends an der Garderobe ab. Dafür ist sowas zu groß. Das hat ja auch ganz viel mit Gefühlen zu tun.

Was hat Sie gereizt gerade bei diesem Film Regie zu führen?

Fromm: Ich finde, dass diese Zeit vor der Machtergreifung noch nicht so oft und tief beleuchtet wurde im deutschen Fernsehen. Die meisten Filme spielen ja danach. Ich finde das politisch, kulturell und historisch eine unglaublich spannende Zeit. Wie war es da um eine Demokratie bestellt, dass sowas so schnell passieren konnte? Der Reichstagsbrand an sich ist ja erstmal nur ein Phanömen. Aber dass der so einen Effekt haben konnte, das hat ja etwas mit der gesellschaftlichen Struktur zu tun. Die fand ich einfach sehr, sehr spannend. Was passiert, wenn eine Demokratie schwach ist, wenn die Demokratie in der Bevölkerung keinen Rückhalt hat?

Wie kam es dazu, dass Anna Loos und Jan Josef Liefers die Hauptrollen spielen?

Fromm: Das war schon relativ früh klar. In dem Moment, in dem wir wussten, dass eine der Hauptfiguren Barsängerin ist. Da war Anna Loos eine Idealbesetzung. Ich arbeite wahnsinnig gern mit ihr und ich wollte schon immer mit Jan Josef Liefers arbeiten, insofern fand ich das einen ganz großen Glücksfall, dass die beiden sich für das Projekt begeisterten.

Was soll der Film beim Zuschauer erreichen?

Zur Person

Friedemann Fromm wurde am 26. März 1963 in Stuttgart geboren und studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München Dokumentarfilm. Einen Namen machte sich der Drehbuchautor und Regisseur unter anderem beim „Tatort“. Fromms dreiteiliges Doku-Drama „Die Wölfe“ erhielt mehrere Auszeichnungen. Der 49-Jährige lebt in Hamburg, ist geschieden und hat zwei Kinder. (kie)

Fromm: Ich fände ich es schön, wenn man ein Gespräch darüber anfangen könnte, was Demokratie für einen Wert hat. Eines der ganz großen Themen des Films ist Zivilcourage. Zivilcourage brauchen wir auch heute, aber sie hat immer einen Preis. Man ist immer sehr schnell in seinem Urteil über Figuren in der Zeit. Man sagt, die waren alle feige, waren die blöd, die haben das nicht gesehen. Wir werden in 30 Jahren von unseren Kindern und Enkeln die gleichen Fragen gestellt bekommen. Man bekommt bei historischen Filmen immer mehr ein Verständnis für die Nöte von Figuren, die in einem historischen Prozess stehen und ihn nicht überblicken. Man hat so eine Ahnung, man will ihn vielleicht auch nicht überblicken, weil die Konsequenzen einfach zu groß wären. Das ist zutiefst menschlich. Uns wird es auch so gehen. Wir stoßen gerade Entwicklungen an, die wir gar nicht überblicken können und für die wir uns später massiv rechtfertigen werden müssen.

Gibt es ein bestimmtes Genre, das Sie als Regisseur noch gern umsetzen möchten?

Fromm: Ich würde gerne mal einen Science-Fiction-Film machen. Eine Entwicklung, in der wir jetzt stecken, mal weiterzudenken. „Was wäre wenn“, das auf die Spitze zu treiben, das fände ich schon sehr reizvoll.

Doku "Nacht über Deutschland"

Jürgen Asts und Kerstin Mauersbergers Dokumentation „Nacht über Deutschland - Hitler - Die ersten 100 Tage“ (ARD, 22 Uhr) führt vom Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler bis hin zu den Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, dem 100. Tag von Hitlers Kanzlerschaft. Auch Historiker kommen zu Wort. (kie)

Von Franziska Kiele

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