Owen Pallett schrieb für die Pet Shop Boys, jetzt macht er eigene Songs

Im Reich der Streicher

Sieht aus wie ein unglücklicher Junge: Der kanadische Musiker Owen Pallett. Foto: Pfluger / nh

Der 30-jährige Kanadier Owen Pallett ist ein gefragter Mann. Ein studierter Kompositionsspezialist. Seine Streicher-Arrangements haben jene raffiniert schwelgende Note, die der Pop der jüngeren Gegenwart sehr zu schätzen weiß. Bei Pallett, diesem modernen Geigenvirtuosen, der auf Fotos meist dreinschaut wie ein etwas unglücklicher großer Junge, können sich die Auftraggeber sicher sein, dass ihre Alben am Ende nicht unter einer Kitschdecke aus der Rondo-Veneziano-Ecke erstickt werden.

Pallett hat für zahlreiche angesagte Bands wie die kanadischen Arcade Fire und Hidden Cameras die Partituren geschrieben. Den Geigenhimmel wolkig ausstaffiert hat er außerdem auf „Yes“, dem letzten Album der Pet Shop Boys.

Bei so viel honoriger Auftragsarbeit ist es ein bisschen ungerecht, dass Palletts Solo-Projekt Final Fantasy ein Geheimtipp blieb. Denn es war schon toll, wie er hier seit 2005, zuerst nur mit Geige und ein paar Effektgeräten, dann mit kammermusikalischem Aufwand, eine eher dem Minimalismus verwandte Formsprache entwickelt hatte, die kaum etwas mit seinen Fremdarrangements zu tun hatte.

Inzwischen ist „Heartland“ erschienen, Palletts drittes, ziemlich erfolgreiches Album. Ein Geheimtipp ist er nun nicht mehr. Und er nennt sich auch nicht länger Final Fantasy, sondern beim bürgerlichen Namen. Auch hat er hier zum ersten Mal mit großem Orchester gearbeitet, mit den Prager Symphonikern. Der Klasse von „Heartland“ kann der größere Aufwand nichts anhaben, dafür sind allein schon die Reverenzen viel zu interessant.

Vor allem der Einfluss der klassischen Moderne mit ihrem Hang zur leichten Atonalität, wie wir es von den Kompositionen eines Strawinsky, Bartok oder Mussorgski kennen, ist offensichtlich. Man hört Streicher, Piano, Flöten und Oboen, Marimba, moderat inszenierte Percussion; poptypisch agiert wird an keiner Stelle.

Über allem schwebt Palletts getragene, leicht blasierte, hochmelancholische Stimme, die sich nur dann und wann in exaltierte Pathosregionen aufschwingt, wie wir es von Rufus Wainwright kennen. Gar nichts hier ist kitschig, und alles hat genau die Dosis Exzentrik, die es braucht für ein immer wieder überraschendes Werk.

Eine fantastische Geschichte, angesiedelt in einem imaginären Königreich, wird hier nämlich außerdem erzählt.

Owen Pallett: Heartland (Domino / Indigo). Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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