Auf „The Shakes“ macht Matthew Herbert hübsche Tanzmusik

Reif für etwas Schönes

Macht anspruchsvolle Dancefloor-Musik: Der britische Musiker Matthew Herbert. Foto:  nh

Mit aktueller Software Musik zu machen, ist wie Onlineshopping. Du ziehst dir von links ein Drum-Loop ins Fenster, von rechts eine Fender-Rhodes-Linie. Zehn Minuten später ist der Track fertig.“ Nun, Matthew Herbert scheint nicht gerade ein großzügiges Verständnis für die simplen Produktionsweisen anderer Musiker zu haben.

Dazu passt es, dass Herbert sich der Naivität jener House-Musik, mit der er sich Mitte der 90er einen Namen gemacht hatte, rasch entwachsen fühlte. Er machte dann anspruchsvollen melodischen Pop mit ätherischem Frauengesang wie auf dem berühmten Album „Bodily Functions“ von 2001. Danach spielte der 1972 geborene Brite Bigband-Jazz und entwickelte schwierigere konzeptuelle Musiken.

„One Pig“ aus dem Jahr 2011 etwa dokumentiert mittels Feldaufnahmen das Leben und Sterben eines Hausschweins. Mit seinen heiseren Grunzern, den gewetzten Messern, Bratgeräuschen, menschlichen Schmatzern und fröhlichen Lachern lässt es sich als (klang-)politisches Statement lesen: Das düstere Album thematisiert das kapitalistisch vollkommen durchwirkte Verhältnis von Mensch und Tier.

Die Zeit war dann „reif für etwas Schönes“, fand Herbert. Auf „The Shakes“, seinem ersten Dancefloor-Album seit neun Jahren, blubbert und pulsiert es daher nun ausgesprochen anmutig. Es gibt pointierte Bläsersätze und niedliche Beats aus hartem Holz. Eine Reihe bekannter Musiker hat Herbert um sich geschart, darunter die Londoner Sängerin Rahel Debebe-Dessalegne, die mit Feen-Soul diskret zu überzeugen weiß.

Von Dessalegnes zarter Art hätte sich Ade Omotayo ein Scheibchen abschneiden können. Etwas mehr Samt, etwas weniger Polterei, und ein spannungsreich inszeniertes Stück wie „Battle“ wäre obendrein schön geworden.

Wobei das Schöne natürlich Geschmacksache ist. Die Texte erinnern mitunter an eine chaotische, kriegerische und käufliche Welt. Intendiert waren Songs auf dem schmalen Grat zwischen Gewalt und Tod und der Feier des Lebens als lustvolle Veranstaltung des Augenblicks. Glücklicherweise ließ Herbert die Handgranaten aus dem Irak nur aneinander klackern, um sie zu sampeln - und nicht etwa explodieren.

Aber spätestens mit dem grandiosen House-Pop-Epos „Peak“ erscheint jede Kritik kleinlich. So viel Raum, so viel Liebe und Tiefe. Die Kirchenorgel aus der St.-Jude-Kirche in Hampstead, die im letzten Drittel von „Peak“ mit melancholisch ergreifender Macht erklingt, war eine ausgezeichnete Idee.

Herbert: The Shakes (Caroline International / Accidental). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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