Lisa Marie Küssner macht die Donizetti-Oper „Don Pasquale“ in Kassel zur peppigen Fernsehshow

Reiferer Herr sucht Frau

Bereit für den Auftritt: Krzysztof Borysiewicz als Don Pasquale mit Show-Assistentin Carmen Schilling (Statisterie). Foto: Klinger

Kassel. Suchte da Deutschland den Superdepp oder ein Bauer eine Frau? Wurde das Opernhaus zum Schauplatz einer Nachmittagssendung, in der Menschen von der Straße dem gierigen Voyeurspublikum ihre Probleme vor die Füße werfen und sich zum Affen machen?

Lisa Marie Küssner, die Regisseurin der Kasseler Neuproduktion von Gaetano Donizettis „Don Pasquale“, hatte eine Idee: Die unverwüstliche Oper muss ins Fernsehen. Die Bühne (Matthieu Götz, Kostüme: Sabine Böing) wurde zum Fernsehstudio, der Dottore Malatesta zum Showmaster. Sogar für authentisches Publikum ist gesorgt. Man konnte für wenig Geld Karten für die Sitzreihen auf der Bühne erwerben und wurde so zum Bestandteil des Geschehens, „La ola“ inbegriffen.

Anfangs funktionierte die Raum- und Zeitverlegung des komischen Dramas um den alternden Don Pasquale, der vom Geiz gesteuert auf Freiersfüßen geht, gut. Das Kennenlernen zwischen dem Titelhelden und „Sofronia“, hinter der sich die quicklebendige Norina verbirgt, Geliebte von Pasquales Neffen Ernesto, hätte sich das Produktionsteam einer Fernsehshow nicht wirkungsvoller ausdenken können.

Doch nach der Scheinheirat lässt sich die Aktualisierung nicht mehr recht durchhalten. Warum zum Beispiel erhöht Sofronia/Norina den Mitarbeitern der Show die Gehälter und nicht den Dienern Pasquales? Die Dinge schlagen über dem bemitleidenswerten Alten zusammen, auf dessen Kosten der Fernsehgemeinde ein übler Scherz offeriert wird.

Am Ende wird er gar in einen Rollstuhl verfrachtet. Poverino, der Arme! Alles läuft auf das große Finale hinaus, bei dem sich Norina und Ernesto wiederfinden und auf der Showtreppe ihr Duett „Tornami a dir che m’ami“ daherschmalzen.

Das Publikum im nicht ganz voll besetzten Opernhaus hatte seinen Spaß an dieser leicht hintersinnigen, harmlosen Unterhaltung, applaudierte anhaltend für das Regieteam und besonders für die Sänger. In der Tat war es musikalisch ein gelungener Abend. Die vier Hauptrollen waren überzeugend besetzt.

Die einzige Frau im Quartett war Ingrid Frøseth als Norina/Sofronia. Quirlig bis kurz vor dem Explodieren war ihr schauspielerischer Einsatz, perlend, leichtfüßig, höhen- und koloraturensicher ihr Gesang, wenn auch von begrenzter Reichweite.

Ihren Geliebten Ernesto sang Dong Won Kim mit kräftigem, mitunter etwas ungeschliffenem und eher dunkel timbriertem Tenor. Geani Brad hatte Schwierigkeiten, sich in die Rolle des Doktors Malatesta hineinzufinden, doch zeigte er im Laufe des Stücks eine steile Linie nach oben, so dass er am Ende mit den anderen mithalten konnte. Auch mit Krzysztof Borysiewicz, der den Don Pasquale mit leichtem, elegantem Bass gestalten konnte. Der Opernchor hatte einen guten Abend, und auch aus dem Orchestergraben kam Erfreuliches.

Marco Comin leitete das Staatsorchester mit sicherer Hand, verstand es dabei, zur passenden Leichtigkeit anzuleiten, war aber durchaus auch in der Lage, etwas tiefer in den Farbtopf zu greifen, wenn es sich anbot.

Weitere Vorstellungen am 15., 18., 22. und 24.6., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Johannes Mundry

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