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Rein Wolfs: „documenta ist auf dem Prinzip der Freiheit gegründet“

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„Der Kurzschluss, alles andere zu entwerten, was auf dieser documenta zu sehen war, das war dramatisch“: Marionetten in der Hübner-Halle, ein Beitrag der Fondation Festival sur le Niger zur documenta fifteen.
„Der Kurzschluss, alles andere zu entwerten, was auf dieser documenta zu sehen war, das war dramatisch“: Marionetten in der Hübner-Halle, ein Beitrag der Fondation Festival sur le Niger zur documenta fifteenDer ehemalige . © Mark-Christian von Busse

Der ehemalige Direktor des Fridericianums in Kassel, Rein Wolfs, nimmt im Interview zur Antisemitismus-Debatte im Kasseler Kunstsommer Stellung und äußert sich zur Zukunft der documenta.

Rein Wolfs, Direktor des Stedelijk Museum Amsterdam, kennt Kassel und die documenta gut – fünf Jahre, bis 2013, hat er das Fridericianum geleitet. Wir haben mit dem niederländischen Kurator über seine Einschätzung der documenta fifteen und die Folgen der Antisemitismus-Debatte gesprochen.

Die Urteile über die documenta klaffen auseinander – zwischen einem der schlimmsten antisemitischen Ereignisse der Nachkriegszeit und einem gelungenen Perspektivwechsel, weil erstmals ein Kuratorenkollektiv der Sichtweise des globalen Südens eine Bühne geben konnte. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Für mich ist das Letztere das Wichtige. Aber ich schaue nicht mehr aus der Innensicht in Deutschland darauf. Die Außensicht ist wirklich anders, als wenn man sich in Deutschland mit der Problematik des Antisemitismus befasst. Das heißt nicht, dass wir uns in den Niederlanden oder woanders nicht damit beschäftigen. Aber man geht anders damit um. Ich sehe die documenta 15 als gelungenen Wurf, um andere Dispositive zu kreieren, ein kollektives Arbeiten in den Mittelpunkt zu stellen und Wege aufzuzeigen, wie man in einer komplexen Welt anders mit den Dingen umgehen kann. Ich muss aber sagen, dass ich die documenta nur an zwei Preview-Tagen gesehen habe. Ich habe mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, was die öffentliche Meinung, vor allem die Politik, später geäußert hat.

Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen? Warum haben die Antisemitismus-Vorwürfe die Debatte dominiert? Ist das eine spezielle deutsche Sensibilität?

Das wird tatsächlich in anderen Staaten anders wahrgenommen. Aber das war auch eine Frage der Kommunikation, der kuratorischen Küche sozusagen, die die Rezepturen gewissermaßen für sich behält. Das ist bei allen kuratorischen Prozessen so, nicht von Anfang an offenzulegen, was zu sehen sein wird. Weil die ganze Rätselhaftigkeit des kuratorischen Vorgehens verloren gehen würde. Man will ja mit einer Überraschung herauskommen. Das habe ich bei der documenta 13 von Carolyn Christov-Bakargiev, die ich in Kassel hautnah miterlebt habe, auch so beobachtet. Da hat das im Vorfeld in der Kommunikation ungemein interessante und verwirrende Blüten getrieben.

War es nicht ein Fehler von Ruangrupa, jede Kritik mit dem Stempel des Rassismus zu versehen? Letztlich haben sie sich der Debatte nicht offen gestellt.

Ja, sie haben sich zu sehr einer Diskussion verweigert. Da haben Sie recht. Mit dem Vorwurf des Rassismus haben sie aber oft auch recht gehabt. Die Welt ist momentan jedoch so sensitiv – und das merke ich auch in Amsterdam –, dass alle Debatten ungemein heftig ausgetragen werden, gerade auch über die sozialen Medien. Ruangrupa haben sich auch geschützt, um den künstlerischen Freiraum zu garantieren. Nichtsdestotrotz sehe ich auch ein kommunikatives Defizit.

Viele Kasseler haben bedauert, dass die Themen, die Ruangrupa am Herzen lagen, in vielen Medien nicht wahrgenommen wurden. Sie haben die Ausstellung hier vor Ort als viel komplexer und vielfältiger erlebt.

Das ist genau der Prozess, der in unserer Zeit passiert. Sobald die Medien sich auf etwas stürzen, geht alles Wichtige, was vielleicht auch darin steckt, unter, alles Positive, was es vielleicht auch zu finden gibt, wird in dem medialen Spektakel nicht mehr wahrgenommen. Da hat die Politik versäumt, auch die anderen Seiten der Ausstellung zu registrieren und sich mit den echten Inhalten auseinanderzusetzen. Die documenta 15 war sehr reich an Themen. Vielleicht reicher als viele andere vorher, und das ist untergegangen in dem Medienspektakel, das auch stark von der Berliner Politik mitbestimmt worden ist.

Liegt das auch daran, dass Ruangrupa uns im reichen Westen und Norden einen Spiegel vorgehalten und uns mit unangenehmen Dingen konfrontiert haben, die wir vielleicht nicht hören wollten?

Das denke ich auch. Letztendlich hatten wir es zu tun mit der Kommunikation zwischen einer Riesengruppe von Besuchern, die im Westen zu Hause sind, und einer kleinen Gruppe von Kuratoren und damit auch eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern, die aus dem globalen Süden kommen. Das hat zu einem ungeheuren Clash geführt. Dieser Zusammenprall hat die gesamte geopolitische Kluft ganz klar gemacht. Eigentlich ist das ungemein wertvoll. Es zeigt, dass es viel zu tun gibt, um die Diskussion auf eine Ebene zu führen, die beiden Seiten gerecht wird. Aber diese Diskussion konnten die Kuratoren nicht gewinnen, wenn man das unter dem Aspekt der Streitkultur betrachtet.

Gibt es künstlerische Positionen, die Sie besonders überzeugt oder stark in Erinnerung haben?

Es gibt viele Bilder und Situationen, die sich mir eingeprägt haben. Ich möchte das ungern an spezifischen Künstlerpositionen aufhängen, weil Sinn des Ganzen war, dass das nicht im Vordergrund stehen sollte. Einige Künstlerpersönlichkeiten waren ja fast anonym anwesend, damit das kollektive Schaffen im Zentrum steht und um gemeinsames Kunstmachen über die subjektiven Identitäten zu stellen.

Werden die Erfahrungen aus Kassel in der Kunstwelt weiterwirken?

Ich denke, die documenta wird Folgen haben. Ruangrupa haben ein Dispositiv der Zusammenarbeit aufgezeigt, der Offenheit, der Partizipation, was in gewisser Weise an Kunst in den 1990er-Jahren erinnert – ich habe mich damals selbst als Kurator mit so etwas wie „relational aesthetics“ beschäftigt, wo Künstler gemeinsam gearbeitet und die Beteiligung in den Mittelpunkt gestellt haben. Aber Ruangrupa haben das viel breiter angelegt, sie sind damit sehr nah ans Leben gerückt, wenn man jetzt skaten kann in einer Ausstellung. Und wo man gleichzeitig auch mit politischem Aktivismus konfrontiert wird. Diese Elemente machen klar, dass Kunst und Gesellschaft und Politik zurzeit in einem sehr direkten Verhältnis zueinander stehen können. Und dass dadurch auch schneller Spannungen entstehen, als wenn die Kunst nur ihre eigene Schönheit zu zeigen versucht – und sonst nicht viel.

Das Besondere war, dass diese documenta sehr einladend und niedrigschwellig war, sie wollte wirklich offen und zugänglich sein.

Trotzdem endet sie in einer Konfrontation. Das ist das Gegenteil dessen, was die documenta bewirken wollte, und eigentlich ist das traurig.

Inwiefern ist die Nähe zu BDS, der Boykottbewegung Israels, oder eine kritische bis feindliche Haltung gegenüber Israel in der Kunstwelt gängig? Inwiefern hat das Auswirkungen auf Ihre Arbeit als Museumsleiter?

BDS hat in den Niederlanden nicht die Bedeutung, die es in Deutschland hat. Ich habe in meiner kuratorischen Praxis bisher nicht damit zu tun gehabt. Aber es gibt Projekte in den Niederlanden, bei der eine gewisse Dosis Kritik zum Beispiel an der israelischen Siedlungspolitik eine Rolle spielen kann. Die Positionen der Palästinenser werden anders bewertet als in Deutschland. Das ist schon seit 20, 30 Jahren der Fall. Das hat natürlich mit der unterschiedlichen kollektiven Wahrnehmung von Geschichte zu tun.

Sie schauen nicht, wenn Sie Künstler einladen, ob sie eine BDS-Petition unterschrieben oder sich im Netz israelfeindlich geäußert haben?

Das spielt in den Niederlanden kaum eine Rolle – wie in anderen Ländern auch. Aber wenn Antisemitismus und vor allem antisemitische Bildsprache im Raum stehen würde, würde es hier auch heftige Reaktionen geben. Ich habe das in den drei Jahren, seit ich in Amsterdam bin, aber als Fragestellung nicht wahrgenommen.

Ein Begriff, der im Zuge der d15 oft gefallen ist, war Postkolonialismus. Die Niederlande setzen sich mit dem Kolonialismus auseinander, gerade hat Ministerpräsident Rutte um Entschuldigung für die schrecklichen Folgen der Sklaverei gebeten.

Die Niederlande sind sich erst viel zu spät bewusst geworden, welche Schuld sie auf sich geladen haben. Dass es erst jetzt zu dieser Entschuldigung gekommen ist, hängt damit zusammen, dass ein Großteil der Bevölkerung diese Entschuldigung nicht möchte und gar nicht versteht, warum sie notwendig ist. Die Polarisierung ist sogar manchmal größer als in Deutschland. Aber was die Politiker in Deutschland versäumt haben: Sie haben zu schnell einen Kurzschluss gezogen nach den Ereignissen in Kassel. Ich bin auch der Meinung, dass antisemitische Darstellungen keinen Platz haben auf einer Kunstausstellung. Sie sollten diskutiert und im äußersten Fall im gegenseitigen Einvernehmen entfernt werden. Aber den Kurzschluss, alles andere zu entwerten, was auf dieser documenta zu sehen war, das war dramatisch. Diese voreiligen Schlussfolgerungen passieren leider überall, sie machen es sehr schwer, noch eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu finden.

Ist die documenta dauerhaft beschädigt, oder kann ein Neustart gelingen?

Ich hoffe schwer, dass das gelingt. Ich denke auch, dass es diesen Neustart geben wird. Aber daran müssen viele mitarbeiten. Was mich in den fünf Jahren, in denen ich in Kassel gearbeitet habe, immer überzeugt hat – und auch sonst, wenn ich auf die documenta geschaut habe: Ich kenne kaum ein Projekt in unserer kulturellen Welt, das so stark und so lange auf dem Prinzip der Freiheit gegründet ist. Das ist das Wesen der documenta. Und alle Akteure, ob sie Politiker sind, Aufsichtsratsmitglieder, Teil der Geschäftsführung oder anderweitig involviert, haben an dieses Prinzip der Freiheit geglaubt. An meinem ersten Tag in Kassel saß ich dem damaligen Geschäftsführer Bernd Leifeld gegenüber. Er sagte: Wir stehen hier ein für die Freiheit der Kunst, und wir von der Geschäftsführung sind dazu da, um Visionen zu ermöglichen.

Sie haben 2008 als Erstes Christoph Büchels „Deutsche Grammatik“ gezeigt.

Diese Ausstellung hat auch in politische Wunden gebohrt. Sie ist mit guten Diskussionen erfolgreich über die Bühne gegangen. Das hat mich völlig überzeugt, dass diese Freiheit existiert. Was sie jedoch nicht berührt hat, war die Frage des Antisemitismus. Und BDS war noch kein Thema damals.

Verfolgen Sie, was im Fridericianum stattfindet?

Ich verfolge das intensiv. Ich bin sehr gern in Kassel gewesen und ich denke oft daran, weil das die Zeit war, in der ich am freiesten arbeiten und mich sehr direkt auf das Zeitgenössische orientieren konnte. Auch Positionen, die nicht einfach waren, wurden positiv bewertet. Es hat sich eine gute Diskussionsfläche ergeben. Deshalb schaue ich immer noch gern darauf, was in Kassel passiert.

Zur Person

Rein Wolfs (62), geboren in Hoorn (Nordholland), war Gründungsdirektor des Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich, Ausstellungsleiter am Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, und Kurator des Niederländischen Pavillons bei der Venedig-Biennale. Von 2008 bis 2013 leitete er die Kunsthalle Fridericianum in Kassel. Von dort wechselte er als Intendant an die Bundeskunsthalle Bonn. Vor drei Jahren übernahm er die Direktion des Stedelijk Museums für zeitgenössische Kunst und Design in Amsterdam.

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